Gedankenwelten

Der Zugbegleiter

Eigentlich fand ich ihn von Anfang an unsympathisch: Er war blond, auffällig groß und saß noch nicht, als er anfing, seinen Laptop auszupacken. Ich hoffe, ich muss nie wieder mit ihm Bahnfahren.

Bis heute weiß ich nicht was nervtötender an ihm war: das Schmatzen oder das Lachen. Wir warenbeide in Berlin zugestiegen. Der ICE, vom Ostbahnhof kommend und fast noch jungfräulich leer, war trotz Bahnstreik pünktlich im Hauptbahnhof eingefahren. Dass wir nebeneinander saßen, war wohl die Schuld des Online-Reservierungsystems der DB. Platz 103 für mich, 105 für ihn. Nachdem er den Computer hochgefahren hatte, begann das Martyrium.

Mit hastigen Bewegungen begann mein Sitznachbar, erst ein Kaugummi und dann eine DVD aus seiner Tasche zu zerren. Die Kaugummis wanderten in seinen Mund, die DVD in seinen Computer. Leider, denn anders rum wäre es sicher weniger anstrengend für mich gewesen. So aber begann er zunächst behaglich und unüberhörber schmatzend auf dem Kaugummi herumzukauen, während er mit Kopfhörern auf den Ohren die auf der DVD enthaltene Serie auf dem Laptop-Bildschirm verfolgte.

Es muss eine Comedy-Serie gewesen sein. Mein Sitznachbar jedenfalls amüsierte sich köstlich und zeigte das auch: in unregelmäßigen Abständen wurde ich beim Lesen von lauten Lachsalven unterbrochen. Teils Ziegen-gleich meckernd, teils glucksend und gackernd belohnte er jeden Gag. Lachte er gerade nicht, malträtierte er mit offenem Mund sowohl das Kaugummi als auch meine Nerven. Dass sich die Leute um ihn herum abwechselnd und mit fragenden Gesichtern zu ihm herum drehten, störte ihn nicht, und ich gebe zu, selten war ich so froh, als der Zug endlich Hannover erreichte. Nicht etwa, weil ich da hin wollte, sondern er.

In diesem Sinne, gute Fahrt!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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