Papawelten

Eineinhalb Jahre Papa oder: Warum zwei Worte reichen, um mich um den Finger zu wickeln

Beim ersten Mal wäre ich für sie durchs Feuer gegangen. Ich hätte mir ohne Betäubung einen Arm und ein Bein abgehackt. Wenn es nötig gewesen wäre, wäre ich tagelang ohne Wasser durch die Wüste gelaufen. War es zum Glück nicht. Tatsächlich reichte es, in die Küche zu sprinten und ein Fläschchen fertig zu machen.

„Milch – bitte!“

Diese zwei Worte aus dem kleinen Mund hatten so flehentlich geklungen, so verzweifelt, so hilflos. Dabei weiß ich natürlich, dass meine Tochter alles andere als hilflos ist. Im Gegenteil. Sie ist wahnsinnig gut darin, ihren Willen durchzusetzen. Im Grunde genommen bewies sie gerade genau das. Wieder einmal hatte sie mich um den Finger gewickelt.

Seit eineinhalb Jahren bin ich nun Papa. Noch immer bin ich fasziniert davon, mit welcher unglaublichen Geschwindigkeit dieser kleine Mensch, der vor 18 Monaten als winziges Menschlein auf die Welt kam, lernt und sich entwickelt. Sie läuft, klettert, schiebt Stühle und andere Möbelstücke durch die Wohnung und liebt es, zu „Macarena“ zu tanzen. Dabei beweist sie ein erstaunliches Rhythmus- und Körpergefühl, das sie definitiv nicht von mir hat.

Vor allem aber saugt sie neue Worte auf wie ein Schwamm. Baum, Buch, Mann, Mädchen, Oma, Opa, Malen, Bett, Milch, Bitte, Danke, Buttka (Butter), Bakon (Balkon), Minnie, Maus, Matschhose, Ameise, Stuhl, Bad, nein, doch, ja – die Liste wird jeden Tag länger. Wann immer sie ein neues Wort lernt, wiederholt sie es eine Weile begeistert. Danach speichert sie es irgendwo in ihrem kleinen Köpfchen ab. Später wird sie es wieder hervorkramen, um es bei passender Gelegenheit auf seinen praktischen Nutzen hin zu überprüfen. Wie reagieren die Eltern, wenn ich dieses Wort sage?

Ist ein Wort erfolgreich abgespeichert und getestet, gibt sie es weiter. Der Wortschatz ihrer Minnie Maus dürfte inzwischen in etwa dem ihren entsprechen. Ein paar Mal hat unsere Kleine nun schon für einen mittleren Stau auf der Rutsche gesorgt. Statt zu rutschen erklärte sie dem Kind, das hinter ihr auf das Gerüst geklettert war, das kleine „Loch!“ im Holzboden und den „Sand!“ mit dem man „Mammam!“ spielen kann. Da sie sich ausschließlich mit älteren Kindern beschäftigt – jüngere werden normalerweise ignoriert – erntete sie dafür meist Unverständnis. Das wiederum führte dazu, dass sie um so heftiger erklärte. Wollte das andere Mädchen denn nicht verstehen, dass da unten ein „Wau!“ lief?

Vor zwei Monaten etwa wurden aus einzelnen Worten kurze Zwei-Wort-Sätze. Sie kletterte auf einen Stuhl und forderte dann so lange von mir „Papa auch!“ bis ich mich artig auf den Stuhl daneben gesetzt hatte. Sie deutete auf das Bücherregal und forderte „Mama-Papa-Buch“, wenn sie das Fotobuch mit Urlaubsbildern von Mama und Papa anschauen wollte. Oder sie verlangte nach „Milch – Bett!“ wenn es ihrer Meinung nach Zeit war, ins Bett zu gehen.

Die Kombination mit „bitte“ war allerdings neu. Gerade darum klang sie so verzweifelt. Wie sehr musste meine kleine Tochter dieses oder jenes brauchen, wenn sie mit nicht einmal eineinhalb Jahren so verzweifelt darum bat? Dabei spielte es keine Rolle, ob es um etwas so Existenzielles wie Milch oder Bett ging oder schlicht um die kurzen Sendung-mit-der-Maus-Clips, die sie hin und wieder sehen darf – „Maus – bitte!“.

Seit eineinhalb Jahren bin ich nun Vater und mit jeder Woche, die vergeht, wird mir klar, dass mein Mädchen mich vermutlich nicht nur dieses eine Mal, sondern mein Leben lang um den Finger wickeln wird. Vermutlich ist das OK.

Nie hätte ich gedacht, dass mir einmal Tränen in den Augen stehen, wenn jemand so Kleines plötzlich die Arme um mich schlingt und sagt „Papa uh-ah“ (uh-ah heißt so viel wie umarmen). Oder wie glücklich es mich machen kann, wenn ich zuhause reinkomme und meine Tochter mir durch den Flur entgegen sprintet, um mir zu zeigen, dass sie gerade einen Baum gemalt hat. Oder um mir die Anweisung zu geben, einen Baum zu malen.

Gleichzeitig fange ich an zu begreifen, welche Herausforderung die kommenden Jahre sein werden. Väter einzulullen ist die naturgegebene Aufgabe einer Tochter. Aber natürlich ist mir auch klar, dass es Grenzen geben muss – und es meine Aufgabe ist, diese festzulegen und durchzusetzen. Ich tue meiner Kleinen keinen Gefallen, wenn sie immer alles bekommt und alles darf. So funktioniert das Leben nicht. Es ist mein Job abzuwägen, wann ich nachgeben kann und wann nicht.

Manchmal male ich mir aus, wie es sein wird, wenn meine Tochter als erwachsene Frau an ihre Kindheit zurückdenkt. Was wird sie von mir, ihrem Papa, denken?

Ich glaube, es ist unmöglich, ein Kind ohne Fehler zu erziehen. Andererseits kann man vermutlich in den wenigsten Fällen klar zwischen richtig und falsch trennen. Man kann nur nach besten Wissen und Gewissen entscheiden. Man kann versuchen, zu vermeiden, was man selbst rückblickend als nicht so gut empfunden hat und zu wiederholen, was einem als gut in Erinnerung geblieben ist. Ansonsten bleibt nicht viel, als auf Gefühl und gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Eine Garantie gibt es nicht.

Trotzdem spüre ich, dass ich anfange, gelassener zu werden. Schaue ich auf die vergangenen 18 Monate zurück, habe ich das Gefühl, dieses Papa-Sein bisher ganz gut hinbekommen zu haben. Ich habe ein lebenslustiges, neugieriges und fröhliches kleines Mädchen zur Tochter. Ganz falsch kann ich es bisher also nicht gemacht haben (was natürlich auch und insbesondere für die Mutter gilt!). Das sind doch gute Voraussetzungen für die kommenden Monate und Jahre, oder?

In diesem Sinne, den gesammelten Baby- und Kindercontent gibt es hier!

 

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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