Gedankenwelten

Ein Vermögen in Sandkuchen

Vor kurzem hatte ich eine gute Freundin zu Besuch. Sie war zum ersten Mal in meiner Wohnung und nach kurzem Umgucken (es sind nur 37 1/2 Quadratmeter) meinte sie, „irgendwie studentisch“. Ich würde es eher als männlich pragmatisch bezeichnen, im Grunde genommen hat sie aber recht. Ich wohne recht spartanisch. An der Wand nur ein paar Fotos und eine hölzerne Weltkarte, die mir Freunde geschenkt haben. Ansonsten liegen zwar jede Menge Zettel, Zeitungen und anderes Zeugs usw. rum, der Ikea-Katalog sieht trotzdem anders aus. Naja, studentisch halt.

Doch: wann endet die Zeit als Student?
Ich stehe nun zum zweiten Mal vor diesem Punkt und weiß es immer noch nicht so wirklich.

Gestern habe ich den Vertrag für eine Vollzeit-Stelle unterschrieben, meine Master-Arbeit ist zumindest in einer Rohfassung fertig und vom ehemals studentischen Teil meines Freundeskreises sind mittlerweile gut 50 Prozent nicht mehr an der Uni. Ein Freund von mir hat kürzlich sogar sein Profil-Foto in einem dieser Facebook-Verschnitte, immerhin ein cooles John-Travolta-Lookalike, gegen ein biederes Anzug-Foto ausgetauscht. Auch die Gespräche ändern sich: man könnte sagen, sie werden erwachsener. Fast erschrocken musste ich kürzlich feststellen, dass ich beim Bier in der Kneipe mit einem Kumpel tatsächlich über seine Vermögensberaterin (!) gesprochen habe. Immerhin, wir sind noch auf ein Bier in die Kneipe gegangen, nicht mit unseren Kindern in den Park …

Ich gebe zu, als ich letztens (wieder mal) beim Prüfungsamt war kam ich mir der Uni-Welt seltsam entwachsen vor. Ganz anders, als ich es noch vor dreieinhalb Jahren empfunden habe, als ich in Düsseldorf meinen Bachelor abgeholt hatte. Im Gegensatz zu damals habe ich es nicht mehr als traurig empfunden, das alles nun hinter mir zu lassen. Im Gegenteil: endlich den Mikrokosmos Universität endgültig zu verlassen erschien mir in diesem Moment mehr als reizvoll.

Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, als wäre das alles irgendwie gespielt. Als würde es in gewisser Weise nach dem selben Muster ablaufen wie vor 25 Jahren, als man frei nach dem mütterlichen Vorbild (Sand-)Kuchen gebacken oder den Vater beim Autofahren imitiert hat (zugegeben, bei mir war es eher letzteres). Gewisse Sachen gehören halt dazu, wenn man das verkörpern möchte, was man mit dem Zustand Erwachsen verbindet. Nur braucht man eben jetzt keine Förmchen mehr dafür, sondern Vermögensberaterinnen.

Oder sind wir mittlerweile wirklich so alt, wie wir uns manchmal geben?

In diesem Sinne, frohes Sandkuchen-Backen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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