Frauen Webwelten

Digitaler Hunger

Eigentlich wundert es mich, dass ich im realen Leben nicht andauernd auf Menschen stoße, die gerade ihr Essen fotografieren. Die Welt müsste voll von ihnen sein. Das will mir zumindest das Internet weismachen.

Wenn ich Zeit und Langeweile habe, klicke ich mich manchmal einfach so von Blog zu Blog. Das ist einfach, denn die meisten Blogs haben inzwischen umfassende Blogrolls, also Linklisten, über die man wieder auf weitere Blogs mit weiteren Blogrolls kommt. Bei Blogs, die von Frauen geführt werden, scheint es zudem üblich, immer wieder per Kommentar auf das eigene Internet-Tagebuch zu verweisen (besonders wichtig: dabei möglichst oft das Wort „süß“ zu benutzen).

Eines der liebsten Themen neben dem „Outfit of the day“ sind Lebensmittel und deren Zubereitung in Wort und Bild. Vor allem Bild.

„Was ich schreibe ist im Grunde genommen egal“, so kürzlich eine befreundete Bloggerin zu mir, die sich eigentlich auf Reiseberichte spezialisiert hat, „aber sobald ich Fotos von meinem Essen einstelle, gehen die Zugriffszahlen sofort nach oben.“

Ich frage mich, wie das kommt. Ob es was mit den Genen zu tun hat? Es sind fast ausschließlich Frauen, die den Drang haben, ihr Essen, ihre Backerfolge und ihre Restaurantbesuche im Bild festzuhalten. Männer dagegen scheinen immun. Allerdings halten die sich auch bei den Outfit-Posts eher zurück.

Noch mehr als die Frauen-Männer-Frage irritiert mich allerdings, dass ich in der realen Welt so selten Menschen sehe, die mit Kamera und Belichtungsmesser um ihre Mahlzeiten herumspringen. So allgegenwärtig, wie dieser Trend in der Blogosphäre ist, müsste doch ein gewöhnlicher Restaurantbesuch inzwischen dem roten Teppich bei der Oscar-Verleihung gleichen. Nur dass die Stars nicht die Schauspieler, sondern das Steak, die Nudeln oder der Salat sind. Dem war zumindest aus meiner Sicht bisher (noch?) nicht so.

Oder habe ich bisher vielleicht einfach noch nicht genau genug hingesehen?

In diesem Sinne, hier ein Bild meines Weihnachtsessen aus dem vergangene Jahr (leider musste ich mich erst stärken, bevor ich fotografieren konnte):

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Felix, was soll ich nur sagen-du hast einfach Recht und das schlimme, ich lese auch diese ganzen Blogs und frage mich auch oft, wie lustig es aussehen mag, wenn man sein Küche in ein einziges Chaos verwandelt hat, nur um schnell noch ein Foto von seinem Essen zu fotografieren.

    Viele Liebe Grüße aus Berlin,
    Jenny 🙂

  2. @Jenny: Vorschlag – Wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, verwandeln wir Deine Küche in ein Chaos und fotografieren dann das Chaos statt dem Essen.
    @Anja: Toll, jetzt habe ich Hunger … und noch nicht Feierabend 😉

  3. Du bringst meine grauen Zellen in Wallung. Was gab es letztes Jahr Weihnachten zu essen?? Wichtiger: Was machen wir dieses Jahr UND wird wieder so viel Schnee liegen???
    Bei facebook sind Fotos vom Mittag- oder Abendessen übrigens auch sehr beliebt!

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