Karlsruhe Mitmenschen Nachbarn

Die Schreierin

2013-06-17-Nachbarin Kopie

Montagabend, kurz vor Mitternacht. Nächtliche Ruhe senkt sich über die Karlsruher Oststadt. Die ganze Oststadt? Nein – eine tapfere (und vor allem: sehr laute!) Frau leistet vehement Widerstand. Und das nicht nur heute: ich kann mich eigentlich an kaum einen Abend erinnern, an dem sie ihren Mann nicht angeschrieen hat.

Ich habe vor etwa einem Jahr schon mal über sie geschrieben. Seitdem hat sich eigentlich nichts geändert. Wenn man abends ein Fenster in Richtung Hinterhof öffnet, hört man sie. Ihn, ihren Mann oder Mitbewohner, hört man auch. Allerdings eher als stilles Brummen zwischen ihren Schrei-Eskapaden. Oft kommt er ohnehin nicht dazu, etwas zu sagen. Das Wort führt sie – und sie ist wütend. Das glaube ich zumindest aus ihrer Tonlage (und Lautstärke) heraus zu hören. Jeden Abend aufs Neue.

Was sie sagt, weiß ich allerdings nicht.  Seit drei Jahren versuche ich herauszukriegen, welche Sprache sie spricht. Das zu wissen würde es mir leichter machen, mit ihrem Gebrüll klarzukommen. Wenn ich wüsste, ich verstehe sie ohnehin nicht, könnte ich sie leichter ignorieren. So aber meine ich immer wieder, englische oder spanische Brocken in ihren Schimpftiraden zu erkennen. Dummerweise ergeben die in den wenigsten Momenten einen Sinn – lenken mich aber erfolgreich vom Lesen ab.

Vermutlich werde ich ihr irgendwann über den Weg laufen. Vielleicht bin ich es längst, ohne es zu wissen. Ich stelle mir sie als große, einigermaßen füllige Frau mittleren Alters vor. Ihre Augen sind verkniffen, ihr Blick lauernd und frustriert nach jahrelangem und offensichtlich erfolglosen Schimpfen. Er dagegen ist eher klein, schmächtig und unscheinbar. Ein Traumpaar eigentlich. Sähe man von dem gegenseitigen Anschreien ab.

In diesem Sinne, ich mache dann jetzt die Balkontür zu …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.