Mitmenschen

Chef-Allüren

Teuflische Brust-Beiß-Rehe oder offenherzige Nacktbüglerinnen – dem Klischee nach gehen die Menschen zum Friseur, um etwas zu erzählen. Bei mir ist das anders. Ich komme vom Friseur und weiß manchmal gar nicht wohin mit meinen Geschichten.

Gestern war es wieder mal soweit. Ich war recht spät dran und in dem Salon nicht mehr all zu viel los. Außer mir waren nur zwei weitere Kunden anwesend, von denen einer gerade auf einem der Friseurstühle Platz nahm. Viel zu tun gab es nicht – ein paar Millimeter hier, ein paar weitere dort. Da trocken geschnitten wurde, war die Friseurin recht schnell fertig – sehr zum Ärger des Kunden.

„Also ich weiß nicht“, begann er, „das waren ja jetzt höchstens zehn Minuten“, erklärte er, nachdem sie ihn mit einem Spiegel in der Hand umrundet hatte. „Ihr Kollege braucht sonst immer eine halbe Stunde.“

Das hätte er besser nicht gesagt. Die Friseurin atmete ein, atmete aus. Dann drehte sie sich zu ihrer Kollegin, die gerade begonnen hatte, meine Haare zu schneiden, sagte etwas auf Kroatisch, atmete wieder ein und aus und wendete sich schließlich wieder dem Kunden zu. „Wer schneidet denn sonst Deine Haare?“, wollte sie wissen. „Miroslav?“

„Ich weiß nicht, wie er heißt, aber er braucht immer mindestens eine halbe Stunde“, antwortete der Kunde. „Und hier am Hinterkopf“ – er fährt mit der Hand über den Hinterkopf – „das ist irgendwie nicht so ganz … rund, habe ich das Gefühl.“

Wieder atmete die Friseurin ein und aus, wieder sagte sie etwas auf Kroatisch zu ihrer Kollegin, die im energischen Ton antwortete. Dann wandte sie sich wieder dem Kunden zu. „Weißt Du“, begann sie merklich aufgekratzt, „Miroslav ist der Sohn der Chefin. Miroslav lässt sich immer Zeit, weil dann alle sagen, sie wollen zu Miroslav“, schimpfte sie. „Er schneidet nicht besser, nur viel langsamer. Verstehst Du? Lang-sam-er!“

Der Kunde, der auf seinem Stuhl inzwischen merklich kleiner geworden war, strich sich erneut über die Haare. „Naja, fühlt sich jetzt auch ganz OK an“, sagte er und kontrollierte mit der rechten Hand erneut den Hinterkopf, den die Friseurin kurz zuvor erneut mit der Schere bearbeitet hatte. „Ist schon OK, wirklich.“ Die Friseurin interessierte das nur bedingt. Sie schimpfte noch, während der arme Kerl seine Frisur bezahlte.

In diesem Sinne, mein Haarschnitt war übrigens soweit in Ordnung …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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