Beziehungsweise Gedankenwelten

Beziehungsreise

2016-08-21-Wiley

Gefühlt ist er immer da. Zumindest wenn man gewohnt ist, beim Verkehrsfunk besonders genau hinzuhören. Trotzdem gilt: Keiner mag den Stau auf der A8. Ich habe nie ausgerechnet, wie viele Stunden ich in den vergangenen dreieinhalb Jahren zwischen Karlsruhe und Ulm und zwischen Ulm und Karlsruhe im Stau gestanden habe. Es müssen aber eine Menge Stunden gewesen sein.

Trotzdem frage ich mich manchmal, wie ich später an diese Zeit zurückdenken werde. Der Nachteil jeder Fernbeziehung ist der Sonntag. Der Vorteil ist der Freitag. Sonntags wacht man schon mit dem Gefühl auf, irgendwann später Abschied nehmen zu müssen. Freitags dominiert die Vorfreude. Weil ich der mit dem Dienstwagen bin, war der Freitag für mich vor allem eines: Reisetag. Am Nachmittag raus aus dem Büro, ab nach Hause, die schon am Vorabend gepackte Tasche greifen, schnell noch Blumen kaufen – I. mag Blumen! – und ab auf die Autobahn.

Wenn man fast jedes Wochenende in der anderen Stadt ist, ist diese andere Stadt irgendwann auch so etwas wie ein Zuhause. Man entwickelte Routinen, gewöhnt sich an alles mögliche – und wenn es nur der Weg zum Supermarkt ist. Auf die Frage, “was machen wir heute Abend?” gibt es diverse Standard-Antworten, und im Café nebenan wird man sogar namentlich begrüßt.

So nervig die Stunden auf der Autobahn jedes Wochenende waren, so eindeutig trennten sie das Wochenende vom gewöhnlichen Alltag. Der räumliche Abstand half, auch sonst Abstand zu empfinden.

Endlich Wochenende – endlich Neu-Ulm. Dass beides, Alltag und Wochenende, künftig am selben Ort stattfinden, mag für andere Menschen die Norm sein. Ich muss mich da erst wieder dran gewöhnen. Das Pendeln aufzugeben heißt auch, einen von zwei Zuhause-Orten aufzugeben – und zwar ausgerechnet den, der vordergründig für Freiheit, Freizeit und Wochenende steht.

Trotzdem freue ich mich darauf. Denn auch wenn ich nie ausgerechnet habe, wie viele Stunden ich in den vergangenen Jahren im Stau verschwendet habe, so ist doch sicher, dass ich künftig deutlich mehr Zeit für angenehmere Unternehmungen zur Verfügung haben werde. Und Verkehrsfunk werde ich künftig auch seltener hören.

In diesem Sinne, Stau auf der A8 –  na und?!

PS: Das Foto zeigt meine Wochenendheimat, Wiley in Neu-Ulm.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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