Gedankenwelten

Bandprobe

Es muss wieder mal ein Auftritt bevorstehen. Ich weiß das, denn ich kann es hören. Es beginnt meist recht plötzlich, mit einem dumpfen Brummen, dessen undefinierbarer Rhythmus heiser durch die Decke meiner Altbauwohnung nach unten dringt. Kurz darauf setzt die Stimme von N. ein. Mal gleichförmig singend, dann wieder abgehakt und elektronisch verzerrt. In letzter Zeit wieder sehr regelmäßig und oft bis spät in die Nacht.

Ich wohne in einem dieser Häuser, deren Etagen man erst im Nachhinein in lauter Ein-Zimmer-Wohnungen unterteilt hat und deren Wände entsprechend dünn sind. Über mir wohnt die Sängerin N.. Ihre Band hat vor zwei Jahren eine EP veröffentlicht und absolviert sporadisch Auftritte, vor allem in Berlin und Umgebung. Die vierköpfige Combo wurde in zwei Artikel unbekannter Indie-Musikzeitschriften erwähnt, es gibt eine MySpace-Seite, die wenig gefüllt und schlecht besucht ist, und einen Bandnamen, der nur aus drei Buchstaben besteht.

Wenn N. übt, ist meist nicht wirklich laut, aber eben doch gut hörbar. Besonders natürlich, wenn man darauf achtet. Nervig ist es besonders deshalb, weil es immer die selben Lieder zu sein scheinen. Schlimmer noch: oft sind es sogar nur bestimmte Liedpassagen, so dass stundenlang immer die selben vier oder fünf Zeilen durch die Decke dröhnen.

Ich habe ein paar Mal überlegt, mich deswegen zu beschweren. Getan habe ich es nicht. Ich käme mir spießig vor, und das möchte ich nicht. Zudem habe ich keine Ahnung, wie hellhörig das Haus ist und was N. von mir alles ungewollt mitbekommt.
Wird sie wohlmöglich nachts wach, wenn ich um drei Uhr morgens die Idee habe, noch eine Folge Friends zu gucken? Hört sie, wenn ich Besuch habe, und wir mal lauter lachen? Wird sie jedes Mal wach, wenn morgens mein Wecker klingelt?

Wir wohnen nur wenige Meter von einander weg und haben bisher trotzdem kaum mehr als ein paar belanglose Floskeln untereinander ausgetauscht. Mit einigen meiner Nachbarn wohne ich schon seit über zwei Jahren Tür an Tür ohne auch nur das geringste über sie zu wissen. Eigentlich verrückt, oder?

Kürzlich war ich in einer Bar in Mitte und bin mit der Barkeeperin, einer kleinen Kolumbianerin ins Gespräch gekommen. Irgendwann haben wir festgestellt, dass sie keine zehn Meter von mir entfernt wohnt – nur ein Haus weiter, um genau zu sein. Wir sind seit eineinhalb Jahren Nachbarn, begegnet sind wir uns nie, dabei schien sie ein wirklich lieber Mensch zu sein. Vielleicht sollte man manchmal einfach mit offeneren Augen durch die Welt laufen. Mit den Ohren klappt das schließlich auch schon ganz gut.

In diesem Sinne, einen fröhlichen Gruß an meine Nachbarn!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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