Mitmenschen Nachbar(n)träume Nachbarn

Andere Menschen

Über mir wird wieder mal geprobt. Aggressiv singt N. gegen die laute Musik an, die durch das geöffnete Fenster des italienischen Zwischenmieters im Erdgeschoss in den Innenhof schallt. Im Vorderhaus kocht irgendwer. Asiatisch, zumindest dem Geruch nach. Gegenüber, im anderen Seitenflügel, flimmert ein Fernseher. 

Eigentlich ist es verrückt: die meisten meiner Nachbarn kenne höchstens vom Sehen, nicht mal mit Namen, trotzdem nehme ich in nicht geringem Maße an ihrem Leben teil. Wenn das junge Paar im Vorderhaus mal wieder streitet, bin ich live dabei, genau so wie ich immer wieder über die kleinen Präsente stolpere, die der Freund meiner Nachbarin gegenüber vor ihrer Tür deponiert. 

Das gilt natürlich auch im Umkehrschluss, insbesondere weil das Haus, in dem ich wohne, offenbar recht hellhörig ist. Zumindest meine unmittelbaren Nachbarn dürften also wissen, dass ich ein Freund der amerikanischen Sitcom “Friends” bin und teilweise zu recht seltsamen Zeiten arbeite. Sie kennen vermutlich meinen Musikgeschmack und bekommen auch mit, wenn ich Besuch habe, der erst am nächsten Morgen wieder geht.

Manchmal finde ich das anstrengend, meistens nicht. Ich finde sogar, so zu wohnen, hat etwas Reizvolles – fast wie das Übernachten im Mehrbettzimmer in einem Hostel (mit dem Vorteil, dass man trotzdem sein eigenes Badezimmer hat): es ist nie langweilig. Statt immer nur ein bestimmtes Bild von seinen Mitmenschen vermittelt zu bekommen, sieht (bzw. hört) man auch, was hinter den Kulissen stattfindet, ohne dabei gleich ganz auf Privatsphäre zu verzichten.

Nachbarn sind eben auch nur Menschen. Andere Menschen übrigens auch.

In diesem Sinne, einfach mal die Augen und Ohren aufmachen.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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