Gedankenwelten

Alt und langweilig

Bin ich mit 27 etwa schon alt und langweilig?
Es ist Freitag Abend, kurz nach zehn, und statt wild feiernd die Lichter der Großstadt zu genießen sitze ich schief und bei spärlicher Beleuchtung am Schreibtisch vor dem Laptop. (Schief, weil ich mich letzte Nacht irgendwie verlegen habe, mit wenig Licht, damit mich die Mücken in Ruhe lassen). Statt an einem Fahrbier auf dem Weg zu irgendeiner Party zu nuckeln habe ich eine Flasche Rotwein aufgemacht und statt lauter interessante Gespräche zu führen und neue Leute zu treffen, schmücken diverse Word-Dokumente meinen Desktop und ein gewaltiger Bücher-Zettel-Zeitungsberg den Boden neben meinem Stuhl. Nach einem Nachmittag im Park habe ich eine ganze Zeit lang gelesen und notiert, dann gut eineinhalb Stunden gechattet, und bin jetzt ich einfach nur noch müde.

Es ist komisch, mit 18 möchte man am liebsten keinen Abend alleine zu Hause verbringen, reist rastlos durch die Nacht und ist immer auf der Suche nach irgendwas, von dem man höchstens eine vage Ahnung hat, wenn überhaupt. Die Angst, etwas zu verpassen treibt einen an, lässt einen stundenlang in stickigen S-Bahnen oder dicht gedrängt auf der Rückbank eines altersschwachen Golf II sitzen, bloß weil in der Stadt X die Disco Y aufgemacht hat. Matthias Triebel hat das in seinem Buch „Nachttrümmer“ etwas depressiv, aber im Grunde genommen recht treffend beschrieben: zwei oder eigentlich drei Mitt-Zwanziger, die sich jedes Wochenende aufs neue in das Nachtleben an Rhein und Ruhr stürzen, bloß um am Ende doch immer wieder in den selben (oder zumindest gleichen) Kneipen, Bars und Clubs zu landen.

Andererseits: im Endeffekt ist es wohl die beständige Suche, die einen letztendlich finden lässt – ohne dass man es in dem jeweiligen Moment überhaupt immer mitbekommt. Nicht die Nacht selber, sondern die Erinnerung zählt. An eben jenen Abend, der irgendwie doch anders war, an die Zufallsbegegnung, die diesen besonderen Zauber verströmte und deshalb im Gedächtnis geblieben ist. Eben all die Dinge, die irgendwann zu einem „weißt Du noch“ verschmilzen und einem letztlich das Gefühl geben, trotz vergeblichen Suchens am Ende doch gefunden zu haben.

Nur kann man das eben nicht planen. Und manchmal muss man auch bewusst darauf verzichten, damit man es beim nächsten Mal wieder zu würdigen weiß. Auch wenn man sich dabei zunächst alt und langweilig vorkommt.

In diesem Sinne, frohes Feiern!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Also ich glaube nicht das du langweilig bist oder wirst.
    Ich denke auch manchmal, krass es ist Freitag oder Samstag alle wollen feiern gehen und ich habe einfach Lust auf einen ruhigen Abend. Oder sitze in gemütlicher Runde. Was ist los mit mir. Aber ich glaube, die Prioritäten ändern sich auch immer wieder und das was uns vor 5 Jahren als das Nonplusultra vorkam ist jetzt Schnee von gestern.

    Schon komisch, aber auch schön zu sehen, dass man auch etwas anderes machen kann außer sich in langen Schlangen vor Clubs die Füße in den Bauch zu stehen, die Ohren zu dröhnen zu lassen und ständig auf sein Getränk aufpassen zu müssen.

    Ob es das Alter ist, die veränderten Gewohnheiten oder einfach der aufkommende Bodennebel. Es ist gut so wie es ist und man sollt es genießen!

    Auf zum Genuß, liebste Grüße

    rot und plüschig

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