Gedankenwelten

Allein?

Vor ein paar Tagen habe ich von einer Freundin eine SMS mit einer Feststellung bekommen:
„Die Einsamkeit ist die Krankheit des 21. Jahrhunderts…“

Solche Kurznachrichten sind zwischen uns nichts ungewöhnliches, wir tauschen öfter Gedankensplitter via SMS aus und kommentieren dann die Gedanken des anderen. In diesem Fall habe ich zumindest dem zweiten Teil der Feststellung vehement widersprochen: Einsamkeit, habe ich (sinngemäß) geschrieben, sei nichts Neues, nur hätten wir erst jetzt Muße und aufgeklärten Geist genug, um auch darüber nachzudenken.

Unwidersprochen habe ich den ersten Teil der Feststellung gelassen. Einsamkeit ist nämlich allgegenwärtig. Man kann in einer Gruppe Menschen sitzen und sich trotzdem plötzlich furchtbar allein vorkommen, obwohl man jeden der Anwesenden möglicherweise seit Jahren kennt.

Gibt man „Einsamkeit“ in das Suchfenster von Google erhält man stolze dreieinhalb Millionen Ergebnisse, beim Adjektiv „einsam“ spuckt der Suchalgorithmus so gar noch gut 700.000 mehr Seiten aus und beim englischen „lonely“ verfünfzehnfacht sich die Zahl der Seiten sogar (zugegeben, es sind eine Reihe Wikipediaseiten dabei, etwa zum Reiseführerverlag „Lonely Planet“ oder zu den Beatles und ihrem Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Album).

Doch was ist die Alternative? Ich bin ziemlich sicher, dass wir im Endeffekt alle irgendwo allein sind. Dieses Allein-Sein kann zeitweise aufgehoben werden, etwa in einer funktionierenden Beziehung oder wenn man mit guten Freunden zusammen ist, letztlich auflösen kann man es allerdings nicht. Und das ist auch gar nicht schlimm. Erst das Allein-Sein gibt dem Zusammen-Sein seine Bedeutung denn es macht es zu etwas Besonderem. Ohne das Allein-Sein als Aggregatzustand wäre das Zusammen-Sein wertlos.

Übrigens: der Begriff „gemeinsam“ bringt bei Google mehr als zehn Mal so viele Ergebnisse wie „einsam“.

In diesem Sinne, frohes Suchen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

5 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Gemeinsam ist man etwas weniger allein;)…ein neuer Filmtitel übrigens.
    Alleinsein kann aber auch hilfreich sein, um zu verstehen oder zu spüren, wie sehr oder ob dir wirklich jemand etwas bedeutet.

  2. Tjaja. Der Mensch ist allein. Schon durch die physischen Grenzen seines Körpers ist er von anderen abgetrennt. Der eine Körper endet, der andere Körper beginnt, aber dazwischen ist nichts. Eine Vebindung entsteht nur über den Geist oder durch Körperkontakt, zeitweise jedenfalls. Der eine empfindet Schmerz darüber, der andere nicht. Beim Mediatiren habe ich eine Aufhebung dieses Gefühls erlebt. Man wird „eins mit dem Universum“, fühlt sich der Natur, der Erde, den Menschen näher und liebt alle Wesen 🙂 Ich bin einer von den Leidenden, manchmal. Aber es stimmt. Nichts existiert ohne sein Gegenteil… Also: auf die Ein-, Zwei-, Drei-, Vier- und Unendlichsamkeit! *smile* Irka

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