Zeitreisen

Zeitfenster

Nennen wir es den Klassenfahrteffekt. Eigentlich ein großartiger Zustand. Denn wenn man auf Klassenfahrt ist, hat man keine Zeit. Entweder es gibt ein vom Lehrer vorbereitetes Programm, oder es sind die Klassenkameraden, die einen auf Trab halten. Zum Nachdenken jedenfalls bleibt kein Raum. Plötzlich nimmt man die Dinge, wie sie kommen.

Ganz ähnlich geht es mir im Moment. Zwar bin ich generell wohl schon eher jemand, der sich Gedanken oder gar Sorgen macht, nur habe ich im Augenblick einfach keine Zeit dafür.

Vor drei Tagen habe ich einen neuen Job angetreten. In kürzester Zeit habe ich meine Wohnung in Berlin aufgelöst und bin nach Süddeutschland gezogen. Zur Zeit wohne ich in einer wunderschönen Ferienwohnung in Konstanz, die ich mir noch für die nächsten zwei Wochen mit zwei ebenfalls neuen Kolleginnen teile. 

Die Wohnung ist gerade mal drei oder vier Minuten vom Wasser entfernt. Morgens stehe ich auf und jogge erstmal eine Runde am Rhein. Anschließend fahre ich zur Arbeit, wo naturgemäß noch unendlich viel Neues auf mich einprasselt. Abends fahre ich zurück und schlüpfe schnell in die Badehose, um noch schnell zur Abkühlung in den Rhein zu springen (hier quasi Teil des Bodensees). 

Ich denke nicht viel nach, denn ich habe einfach nicht die Zeit dafür, noch hätte ich den Raum, groß etwas zu ändern. Warum auch – es geht mir großartig!

Allerdings befürchte ich, dass es nicht so weiter gehen wird. Aus Erfahrung weiß ich, dass mein Denken irgendwann wieder einsetzen wird. Noch bin ich abgelenkt – ich habe die Arbeit und auch außerhalb derselben eigentlich immer jemanden um mich herum. Zum Grübeln fehlt mir schlicht die Zeit. 

Irgendwann jedoch wird auch hier so etwas wie Alltag einkehren. Das jetzt Neue wird zur Gewohnheit, und die daraus entstehenden Automatismen schaffen Raum für alte Gewohnheiten: Grübeln, Sorgen, Nachdenken. Die Unbeschwertheit wird irgendwann dahin verschwinden, woher sie gekommen ist: in ein schmales Zeitfenster, das sich irgendwann schließt. 

In diesem Sinne, rettet, was nicht niet- und nagelfest ist!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Hihi, es klingt aber nicht so, als ob Du das Nachdenken über das nicht-stattfindende Nachdenken ganz aufgegeben hättest… ;-)

    Manchmal darf man auch einfach das Leben genießen, finde ich. Ohne Grübeln. Es ist wie Schokolade essen – wenn Du dabei an die Kalorien denkst, schmeckt es nur noch halb so gut…

    Dicken Drücker aus Stuttgart
    Julia

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