Desillussionierend Zeitreisen

Wiederholung zwecklos

Es wird kein Sommermärchen geben. Nicht mal dann, wenn wir Weltmeister werden. Das Leben mag nämlich keine Wiederholungen. Wir Menschen dagegen schon. Darum suchen wir auch vergeblich den Geist von 2006 – und darum werden wir ihn nicht finden.

Ich muss 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein, in jedem Fall mitten in der Pubertät. Meine Eltern, meine Schwester und ich waren nach Südfrankreich gefahren. Sommerurlaub mit Wohnwagen und Zelt. Der Campingplatz war war recht weitläufig und direkt am Meer gelegen. Es gab ein kleines Platz-Zentrum mit einem Café und einigen Geschäften, in denen man französischen Wein, französische Bücher und Handtücher kaufen konnte.

Der Campingplatz selbst war sehr groß und weitäufig – und ich somit nicht der einzige hochgradig pubertärer Teenager vor Ort. Sobald es dunkel wurde, traf man sich am Strand. In größeren oder kleineren Grüppchen saß man zusammen, trank französischen Wein aus dem Campingplatz-Laden und machte, was Jugendliche in dem Alter nun einmal machen. Für mich war es der bis dahin bester Sommerurlaub überhaupt.

Zwei Jahre später fuhren meine Eltern, meine Schwester und ich wieder nach Südfrankreich. Schon Wochen vorher fieberte ich dem Urlaub entgegen. Noch größer wurde meine Freude, als ich vor Ort die ersten alten Bekannten wiedertraf. Am Ende war es nicht ganz, aber immerhin zum Teil die alte Gruppe.

Wir sprachen viel über jenen scheinbar magischen Sommer von vor zwei Jahren. Wir hatten uns alle auf eine Wiederholung gefreut. Um so schmerzhafter war die Erkenntnis, die sich nach und nach durchsetzte: auch wenn wir die selben Dinge taten, die selben Lieder hörten und die selben Wege gingen – eine Wiederholung war schlicht nicht möglich.

Man kann nicht zwei mal an denselben Ort reisen. Damals war das für mich eine neue Erkenntnis, heute bin ich schlauer. Ein Urlaub kann genau so gut werden, aber niemals gleich gut.

Im normalen Leben ist das übrigens nicht anders, nicht nur, wenn es um die Fußball-WM geht. Eine alte Liebe kann genau so wie eine alte Freundschaft nur neu entdeckt, aber niemals wiederholt werden. Alles andere führt nur zu einer aufgewärmten Suppe, die niemandem schmeckt.

In diesem Sinne, auf ein erfolgreiches Achtelfinale!

Autor

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare

  1. Darüber habe ich auch schon oft nach gedacht!

    Ist es nicht verrückt, dass man sich oft dabei erwischt, sich mit jeder Faser seines Körpers zu einem Ereignis oder einem früheren Zeitpunkt zurück zu sehnen und es immer und immer wieder versucht erneut zu erleben? Und das, obwohl fast jeder irgendwann in seinem Leben zu der Erkenntnis des „nicht wiederholen könnens“ gelangt, die du so schön beschreibst?

    Als wir uns gestern auf den Weg zum public viewing machten und durch die Stadt fuhren, erinnerten mich die ganzen Flaggen und Fahnen an Autos und Häusern an die WM 06 und ich dachte daran wie einmalig und toll der Sommer damals war. Viele Erinnerungen tauchten als lebhafte Bilder in meinem Kopf auf und ich bedauerte, dass es wohl nie wieder so werden würde wie in diesem speziellen Sommer 06..und doch erwischte ich mich dabei, wie ich zu Christian sagte: „Wär doch toll, wenn sie WM bald noch einmal in Deutschland statt finden würde, oder?“

    Was ich aber am bedauernswertesten von allem finde, ist dass uns Momente oder Zeiten, die wir später als super und „wiederholenswert“ beschreiben uns in dem tatsächlichen Moment des Erlebens nicht unbedingt als solche erscheinen.

    Ein Argument mehr dafür, jeden Augenblick zu genießen, aus zu kosten und mit geschärften Sinnen wahr zu nehmen.

Kommentar verfassen