Gedankenwelten

Wahlweise

Was, wenn wir es vorher gewusst hätten, worauf wir uns einlassen? Wenn wir die Wahl gehabt hätten. Wenn jemand uns vorher eine Broschüre in die Hand gedrückt hätte, in der alles drin gestanden hätte, auf Hochglanzpapier wohlmöglich. Auf der letzten Seite dann zwei Felder: „Ja“ und „Nein“. Wo hätten wir unser Kreuz gemacht?Im Leben gibt es immer wieder Momente, wo man das Eine gegen das Andere abwägen muss. Entscheidungen, wo man sich überlegen muss, ob der Gewinn den Einsatz rechtfertigen wird. Wähle ich den Abenteuerurlaub, bei dem ich genau weiß, dass nicht alles nach Plan laufen wird? Akzeptiere ich lauter Unbekannte, hoffe aber darauf, dass neben dem Überwinden derselben genug Schönes abfallen wird?

Zwar verspricht der bunte Prospekt ein unvergessliches Erlebnis, aber vielleicht fühle ich mich ja auch so ganz wohl. Warum soll ich mir das also antun?

Nennen wir den Abenteuerurlaub Leben.
Bevor wir auf die Reise geschickt werden, kriegen wir einen bunten Prospekt in die Hand gedrückt. Lauter bunte und vielversprechende Bilder, vermutlich auf Hochglanzpapier gederuckt. Dazu jede Menge Kleingedrucktes. Wir würden lieben, heißt es da, große Momente des Glücks erleben, tolle Dinge sehen und erleben, garantiert. Es gäbe so viel Tolles zu erleben, wir müssten nur wollen!

Allerdings wäre nicht alles schön. Das Leben, so heißt es auf Seite 2, sei eben nicht nur ein Zuckerschlecken. Herbe Rückschläge würden uns erwarten und großer Schmerz. Viele Ängste, die uns quälen werden, das Verlassen werden, Rückschläge ertragen und allerlei anderes unschönes Zeugs.
Es sei nun an uns, sagt der große Unbekannte, ein Kreuz zu machen. „Ja“ oder „nein“, nur „vielleicht“ is‘ nicht. Was würden wir wählen?

Ich glaube, dass man vieles nicht getan hätte, wenn man vorher gesagt bekommen hätte, wie es sein würde. Nicht, dass es letztlich so furchtbar gewesen wäre, die Sache an sich nicht. Wohl allerdings die Beschreibung derselben. Steckt man drin, sehen die meisten Dinge plötzlich ganz anders aus, nicht selten halb so wild, und am Ende ist man froh, sie erfolgreich durchgestanden zu haben.

Hätten wir vorher gewusst, was uns im Leben so alles erwartet, hätten wir uns entschieden, es zu leben?
Oder sind wir, die wir nun mal hier sind, etwa einfach nur all diejenigen, die „ja“ angekreuzt haben?

In diesem Sinne, frohes Wählen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

3 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Was für ein schöner post! Den leihe ich mir für meinen Englischunterricht (die Idee, meine ich).
    Ich habe auch nen ganz langen Kommentar zu dem post danach geschrieben (auch ein tolles Thema) aber dann ist meine Netzverbindung hopsgegangen :(
    In diesem Sinne, frohes „nochmehr tolleideenhaben“ ;)
    Die Coog

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