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Virtuell ich

2009-07-20 VerbindungenPlötzlich stand sie vor mir. „Das ist S.“, sagte mein Bekannter. Ich sagte gar nichts. Dabei war es ja nicht so, dass ich sie jetzt zum ersten Mal sah. Nur ist es eben doch etwas anderes, auf Facebook und Co Fotos von jemanden zu betrachten als ihm oder ihr in Wirklichkeit zu begegnen.

S. jedenfalls sah ihrem fotografischen-Ich recht ähnlich. Sie war etwas kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte, doch dass das Kameraauge hier oft täuscht weiß man schließlich nicht erst seit Tom Cruise. Ihre Stimme allerdings, die nun artig „Hallo“ sagte, klang dann aber doch arg viel anders als in meiner Vorstellung. Auch das was sie sagte schien so gar nicht zu dem zu passen, was ich ihr ob ihres Profils im sozialen Netzwerk gerne in den Mund gelegt hätte.

Sagen konnte ich ihr das natürlich nicht. Die meisten Menschen, die behaupten, noch nie ihren Schwarm, einen potenziellen Partner oder auch den oder die Ex gegoogled zu haben, lügen, da bin ich sicher. Trotzdem ist es denkbar ungeschickt, das gegenüber dieser Person auch zuzugeben.

Ob sie meinen Namen auch einmal in das Suchfeld eingegeben hatte? Oder beim Stöbern in der Freundesliste unserer gemeinsamen Freundin an meinem Profil hängen geblieben war? War ich möglicherweise auch ganz anders als sie erwartet hatte, nachdem sie mein Profil gemustert und vielleicht sogar mein Blog überflogen hatte?

Das Faszinierende und Unheimliche an sozialen Netzwerken und sonstigen Web-Identitäten ist ja gerade, dass der Maßstab fehlt, an dem man das dort gezeichnete Bild messen könnte. Es ist also nur menschlich, dass wir uns hier so toll wie irgend möglich präsentieren – wo es doch (erstmal) niemanden auffällt, wenn wir dafür das eine oder andere aufbauschen oder auch weglassen (ich sage bewusst nicht: „lügen“!).

Selbst Alben mit Titel wie „Me, myself and I“ sind da nur bedingt komisch, wo sie doch vor allem für junge Frauen eine tolle Möglichkeit bieten, der „Was zieh ich nur an“-Frage dadurch zu entgehen, dass sie einfach alles einmal anziehen und sich damit ablichten lassen. Frei nach dem Motto: Ein Outfit wird dem potenziell-Zukünftigen schon gefallen.

Das gilt sogar, wenn man beim ersten Date falsch lag. So blöd es klingt, als ich mir S. Profil nach unserer eher enttäuschenden ersten Begegnung im wahren Leben noch einmal angeguckt habt, war ich kurz davor meine Enttäuschung wieder zu vergessen und ihr noch eine Chance zu geben, so gut gefiel mir ihr virtuelles Ich.

In diesem Sinne: Es wäre vielleicht übertrieben zu sagen, das Internet hat den ersten Eindruck getötet. Ganz falsch ist diese Einschätzung aber auch nicht.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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