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Ungeschminkt

Ein Sportplatz ist nicht unbedingt der beste Ort, um jemanden kennen zu lernen. Die meisten, die hier ihre Runden drehen, haben irgendwelche schlabbrigen Sportsachen an, sind weder geschminkt noch gestyled und freundlich lächeln tut nach Runde sieben auch keiner mehr. Ganz abgesehen davon sind die meisten Läufer eh nicht ansprechbar, weil sie entweder kleine, weiße Stöpsel im oder übergroße Lautsprechersets auf den Ohren haben, aus denen sie sich beim Joggen beschallen lassen.

Ich gebe zu, auch ich höre beim Laufen in der Regel Musik. Zudem habe ich heute sicher alles andere als einen ansprechenden Bild abgegeben: ungeduscht, ohne jede Frisur und noch etwas müde habe ich meine Runden gedreht, als sie mir auffiel.
Ich habe sie gesehen, als ich außen, am Zaun vorbei, in Richtung Eingang joggte. Als hätte sie meinen Blick gespürt, drehte sie den Kopf genau in diesem Moment in meine Richtung und ich bilde mir ein, dass sie gelächelt hat.

Genau weiß ich das freilich nicht, denn beim Laufen trage ich keine Brille. (Gut, ich trage auch sonst meist keine Brille.) Außerdem hatte sie offenbar schon einige Runden hinter sich. Vielleicht hat sie also einfach so aus Erschöpfung die Mundwinkel verzogen, Kaugummi gekaut, ein Loch im Zahn – was weiß ich. Sie war mir jedenfalls direkt sympathisch.

Ungefähr drei oder vier Runden sind wir zusammen gelaufen. Ich erst hinter ihr, dann, weil ich mein Tempo minimal höher war, vor ihr. Wir haben kein Wort gewechselt. Trotzdem habe ich mich mit ihr irgendwie verbunden gefühlt. Als sie schließlich in Richtung Ausgang gejoggt ist, war ich sogar ein wenig traurig.

Ein Sportplatz ist leider nicht unbedingt der beste Ort, um jemanden kennen zu lernen. Das ist ärgerlich, denn wo sonst trifft man die Menschen so unverstellt und ungeschminkt wie hier.

In diesem Sinne, liebe Unbekannte, bis morgen auf der Laufbahn!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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  1. Es könnte sogar der beste Ort sein, um die ersten Gespräche zu wagen, wäre da nicht diese Erfindung namens ipod, die das Ansprechen auf Sportplätzen, in Parks und im Bus unmöglich zu machen scheint. Und die Individualisierung unserer Gesellschaft (übrigens auch hier!)geht weiter… Schade!

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