Tresenweisheiten

Unauffällig unsichtbar

Manchmal bin ich unsichtbar. Zumindest komme ich mir so vor. In Wirklichkeit sehe ich wohl gerade unsichtbar ziemlich blöd aus.

Unsichtbar sitze ich nämlich am liebsten mit meinem Notizbuch in irgendeiner Kneipe oder einem Café und beobachte die Menschen um mich herum. Und natürlich bin ich dann nicht wirklich unsichtbar, auch wenn ich mir manchmal so vorkomme; höchstens unauffällig. Und wer mich trotzdem sieht, der wundert sich wahrscheinlich, was ich stundenlang vor mich hinschreibe.

Es ist beängstigend, was man als Außenstehender alles sieht. Das flirtende Paar, bei dem von vornherein klar ist, dass es später am Abend miteinander im Bett landen wird. Beide arbeiten konsequent darauf hin. Allerdings sind beide derart fixiert auf ihre eigene Wirkung, dass sie gar nicht merken, wie unwichtig die längst für beide ist, weil die Entscheidung ohnehin schon getroffen wurde.

Einen Tisch weiter ist es genau anders herum. Er will – sie nicht. Allerdings hat er das noch nicht begriffen. Mit großen Gesten erzählt er ihr davon, wie toll er ist. Sie dagegen beschäftigt sich damit, auszutesten, wie weit sie ihr Rotweinglas kippen kann, ohne dass etwas von dem Wein auf die hölzerne Tischplatte tropft. Irgendwann reicht er ihr ein Taschentuch – um den Wein aufzuwischen.

Es hat etwas seltsam desillusionierendes, wie klar und eindeutig manche Situationen von außen betrachtet plötzlich sind. Ich frage mich, wie ich mit etwas Abstand aussehe. Zumindest, wenn ich nicht gerade unsichtbar bin.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Zuschauen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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