Frauen Fremde Federn

Trauben und Frauen

Die alten Griechen waren schlaue Leute. Ihnen wird zum Beispiel die Fabel von den Trauben zugeschrieben, die der Fuchs trotz redlicher Anstrengung nicht erreichen kann, weil sie zu hoch hängen. „Pah, die Trauben sind mir eh zu sauer“, erklärt daraufhin der Fuchs und marschiert davon. 

Eine Fabel überträgt menschliche Verhaltensweisen auf Tiere (oder auch Pflanzen oder Dinge). Das soll Distanz schaffen und es leichter machen, die Moral von der Geschichte zu begreifen. Obwohl die alten Griechen schlaue Leute waren, im Falle des Fuchses ist die Fabel noch unvollständig: Wenn der Fuchs einen Menschen karikieren soll, dann will er mit der Lüge von den „zu sauren Trauben“ nicht nur seine Niederlage kaschieren. Insgeheim hofft er außerdem, seine geheuchelte Ablehnung würde die Trauben wider aller Vernunft doch noch ein wenig in seine Richtung wachsen lassen.

„Letzte Chance vertan“, habe ich vor einigen Jahren einmal in mein Notizbuch geschrieben, „ich werde mich nicht mehr bei ihr melden – dann wird sie schon merken, was sie davon hat.“ Das Problem: Sie hat meinen Pseudo-Rückzug vermutlich nicht einmal bemerkt. Sie, das war nämlich eine Frau gewesen, in die ich mich genau so unsterblich wie unerwidert verliebt hatte. 

Wir hatten uns bei einer Schulung kennengelernt und seitdem lose in Kontakt gestanden. Aus irgendeinem Grund hatte ich mir eingeredet, dass daraus mehr werden könnte. Diese Sicht der Dinge hatte ich nach und nach immer deutlicher zum Ausdruck gebracht, ohne allerdings damit bei ihr auf große Resonanz zu stoßen. 

Eingestehen wollte ich mir das natürlich nicht. Statt dessen wurde ich zum Fuchs: Eigentlich, so redete ich mir ein, war sie ja ohnehin nicht so wirklich mein Fall. Theoretisch war das eine gute Methode für einen geordneten Rückzug. Praktisch allerdings totaler Quatsch.

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: „Wenn sie sich nicht meldet, melde ich mich eben auch nicht mehr, dann wird sie sich schon wieder melden“ ist Blödsinn. Der Versuch, durch Nichtbeachtung Aufmerksamkeit zu bekommen, ist eine Phantasiegestalt. Schließlich hat es normalerweise einen Grund, warum sie nicht (mehr) möchte – und an dem ändert plötzliches Untertauchen in der Regel erst recht nichts. 

In diesem Sinne, Schluss mit den zweckentfremdeten Schlusspunkten!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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  1. Ich finde, was der Fuchs da macht ist genau richtig. Er versucht sein Bestes, die Trauben zu bekommen. Als er merkt, dass er beginnt sich lächerlich zu machen, macht er sich klar, dass er die Trauben nicht erreichen kann, ganz gleich wie sehr er sich bemüht. Anstatt sich jedoch als Verlierer zu präsentieren und sich als Opfer der ungerechten Verhältnisse zu sehen, dreht er den Spieß um und macht sich klar: „Die Trauben sind es gar nicht wert, dass ich mich so sehr um sie bemühe.“ Er zeigt damit, dass es für ihn eine Grenze der Aufopferung für die Erfüllung eines Bedürfnisses gibt, und um seinen Stolz und sein Gesicht zu wahren, er auch bereit ist auf etwas zu verzichten. Ich glaube nicht, dass er erwartet, dass die Trauben wegen seiner Aussage doch noch vom Rebstock fallen. Ich finde seine Reaktion auch in Bezug auf die unerfüllte Liebe angemessen: Man sollte sich nicht als Opfer der Ablehnung sehen, sondern sich seines eigenen Wertes klar werden, die Sache nicht persönlich nehmen und mit erhobenem Haupt weiterziehen. Beste Freundinnen hat man ja meist schon genug. In diesem Sinne 😉

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