Gegensätze Zeitreisen

Mikroskopisch

Genau heute vor einem Jahr habe ich mich entschieden, aus Berlin weg zu gehen. Heute in einem Tag unterschreibe ich den seitdem vierten Mietvertrag. Das Komische daran ist meine Erinnerung. Denke ich an „damals“, kommt es mir vor wie gestern. Erinnere ich mich an all das, was seitdem passiert ist, scheint das „Früher“ unendlich weit weg.

Im Endeffekt ist es, als würde ich mein Leben unter dem Mikroskop betrachten: Mit bloßem Auge gesehen hat es auf dem Objektträger eine absolut überschaubare Größe. Vergrößert erschließen sich aber plötzlich lauter Feinheiten, die mit bloßem Auge gar nicht sichtbar gewesen wären. Es ist leicht, sich in Details zu verlieren.

Unheimlich ist allerdings, wie schnell diese Feinheiten wieder an Bedeutung einbüßen. Sobald man ein gröberes Objektiv wählt, scheinen sie hinfällig zu werden – und doch bleiben sie existenzielle Grundvoraussetzung für das große Ganze.

Irgendwo ist es schon beängstigend, wie wichtig die Feinheiten einerseits sind – und wie sehr sie andererseits in den Hintergrund treten, wenn man die Vergrößerung erst einmal ausgeschaltet hat.

In diesem Sinne, denkt mal darüber nach!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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