Fremde Federn Gedankenwelten

Teilzeit-Rüpel

Ja, ich bin ein Rüpel! Bei SWR1 gab es kürzlich ein Thema des Tages: “Ellbogen”. Die Frage: Wie unhöflich, unfreundlich und rüpelhaft ist unsere Gesellschaft – drängelt sich den Ellbogen voran vor, bloß um den besseren Platz oder sonst irgendeinen Vorteil zu haben? Das Komische daran: In den ausgestrahlten Umfragen fanden sich zwar zig Leute, die sich über rüpelhaftes Benehmen aufregten, aber niemand, der angab, ein Rüpel zu sein. Wie kann das sein?

Also, hier bin ich! Das heißt … naja, ein bisschen zumindest. Normalerweise bin ich ja sehr nett. An der Supermarktkasse lasse ich Menschen vor, die nur mal eben Zigaretten kaufen wollen, sogar dann, wenn ich es selbst eilig habe. Ich sehe lächelnd darüber hinweg, wenn meine Nachbarin mal wieder früh morgens rücksichtslos die Türen knallt. Und ich bremse sogar für alte Omis, die unbedingt bei rot über die Straße gehen möchten.

Das ist aber nur die eine Seite. Denn während ich mich einerseits stundenlang über Menschen aufregen könnte, die den lieben langen Tag nichts besseres zu tun haben, als am Fenster zu sitzen und Falschparker aufzuschreiben, war ich schon mehrmals kurz davor, mir selbst dicke, fette “Scheiße geparkt”-Aufkleber drucken zu lassen, um damit die Autofahrer in meiner Straße zu erfreuen, die mit ihren Fahrzeugen mal wieder zwei Parkplätze blockieren. Ich hasse es, wenn Menschen sich dauernd über andere aufregen, könnte aber trotzdem selbst stundenlang vor mich hinschimpfen, wenn ich den Eindruck habe, dass ich irgendwo nur deshalb länger anstehe, weil jemand anderes seinen Job nicht richtig macht. Mehr als einmal habe ich im Supermarkt oder anderswo den Ellbogen ausgefahren, um zu verhindern, dass sich jemand heimlich nach vorne drängelt.

Ja, ich bin ein Rüpel. Manchmal. Ein Teilzeit-Rüpel, quasi. Oft genug gehe ich mir damit selbst auf die Nerven. Aber das Verhalten der anderen Menschen nervt mich eben noch viel mehr. Vermutlich geht es den meisten Rüpeln so.

Glaubt man den einschlägigen Studien, halten sich zum Beispiel die meisten Deutschen für ziemlich tolle Autofahrer – sind aber zugleich der Ansicht, dass diese Einschätzung für die meisten anderen Autofahrer nicht gilt. Schon rein rechnerisch kann das nicht funktionieren. Außer es handelt sich auch hier um Teilzeit-Rüpel. Jemand, der in 9 von 10 Fällen nicht drängelt, würde sich für einen eher besonnenen Menschen halten. Für alle, die ihn bei dem einen Mal Drängeln beobachten, ist er aber eben doch alles andere als besonnen.

In diesem Sinne, wie rüpelig seid Ihr denn so?

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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