Gedankenwelten

Suffköppe (I)

Als ich noch in NRW gewohnt habe, war meist einer der Dumme: der Fahrer. Stießen die anderen an, durfte er nicht mittrinken (zumindest nichts Alkoholisches), sangen alle lustige Trinklieder, blieb er stumm, und je alkoholgetränkter die Gespräche um ihn herum, desto anstrengender wurde es für den zwangsweise Abstinenten.

In Berlin ist das anders. Der öffentliche Nahverkehr ersetzt für die meisten das Auto. Freitags und Samstags fahren S- und U-Bahn die ganze Nacht über durch, unter der Woche gibt es Nachtbusse. Zwischen den Kneipen und Clubs liegen auch keine Autobahnkilometer mehr sondern höchstens ein paar lästige Tram-Minuten, die mit einem Fahrbier in der Hand schnell vergehen. Nüchtern muss hier keiner bleiben.

Keiner? Fast keiner. Ich schon, ich hatte Nachtschicht. In einer Samstag Nacht ist das so etwas ist wie Fahrerabstinenz hoch zwei. Während das Backpackervolk sich in Berlins Nachtleben stürzt, checke ich die letzten späten Anreisen ein; wenn die ersten Heimkehrer stolz sind, die Glastür vor dem Durchgehen geöffnet zu haben, ermahne ich die besoffene Horde in der dritten Etage sich das laute Singen auf dem Weg ins Zimmer zu verkneifen, und bevor sich die letzten Volltrunkenen zurück ins Hostel schleppen, fülle ich den Kühlschrank mit Nachdurstwasser respektive Einer-geht-noch-Bieren auf.

Zugegeben, oft ist es anstrengend, denn es scheint, als würde der Teil im Gehirn, welcher den Mitteilungsdrang steuert, deutlich mehr Alkohol vertragen als das Sprachzentrum oder der Teil, der fürs Denken allgemein zuständig ist. Während letztere längst im Koma liegen ist ersterer noch bei vollem Bewusstsein und zu 100% im Einsatz. Die Folge sind die komischsten und zum Teil extrem gelallten Geschichten. Trinkt man mit, fällt einem das gar nicht auf, für jeden Außenstehenden ist es einfach nur anstrengend.
Und nicht nur das: mehr als einmal schon hatte ich Leute, die vom PubCrawl (=organisiertes Feiersaufen für Touristen und Hostelangestellte) tatsächlich kriechend zurück ins Hostel gekommen sind. Oder letztlich nicht mal das geschafft haben: die mussten dann von der Polizei hin oder auch vom Notarzt wieder weg gebracht werden.

Das ist das Extrem. So ist es freilich nicht immer. Und eigentlich faszinierend wird es, wenn das bittere Ende eben (noch?) nicht erreicht ist. Wenn der Alkoholpegel noch innerhalb eines Bereichs pendelt, in dem ein Gespräch für den außenstehenden (nüchternen) Beobachter vielleicht anstrengend, für die Involvierten aber irgendwie bereichernd ist. Wo aus Fremden plötzlich Freunde werden, weil das gemeinsame Verdummen aufgrund steigender Promillewerte zusammenschweißt.

Fortsetzung folgt … in diesem Sinne!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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