Mitmenschen

Strafversetzt

„Das war’s – heute sind Sie das letzte Mal zu spät gekommen. Sie werden strafversetzt! Sie kommen nach Düsseldorf!“
– „Nein! Alles, aber nicht Düsseldorf!“ 
„Doch! Düsseldorf! Ich habe Sie mehr als einmal gewarnt!“
– „…“ (leises Schluchzen) 

So muss das Gespräch mit der Tchibo-Mitarbeiterin abgelaufen sein, da bin ich ziemlich sicher. Und ich kann sie verstehen. Gestern war ich mit N. in der Tchibo-Filiale im Düsseldorfer Hauptbahnhof. Freiwillig dürfte hier niemand arbeiten. Schuld daran dürften vor allem die Kunden sein.

Die waren zumindest gestern in großer Zahl über den kleinen Verkaufsraum hergefallen, so dass ich im ersten Moment nicht sicher war, ob hier noch eingekauft oder schon geplündert wurde („Sale!“ heißt das in der Fachsprache, glaube ich). Gut die Hälfte der Regale war restlos leer gekauft. In der Mitte des Ladens stand ein Junge, nicht mehr all zu weit von der Pubertät entfernt, und hielt triumphierend den letzten MP3-Player in die Höhe, während hinter ihm eine füllige Mitvierzigerinn zusammen mit einer Tchibo-Mitarbeiterin in einer großen Aluminiumkiste wühlte, in der Handyhüllen, BHs und allerlei anderes Zeug lag.

„Was kostet das?“, wollte die Kundin schließlich wissen und hielt triumphierend eine Verpackung mit undefinierbaren Inhalt in die Höhe. Die Mitarbeiterin sah von der Kiste auf. „Das weiß ich nicht aus dem Kopf, das muss ich nachschauen“, antwortete sie und wühlte noch ein wenig in der Kiste, bevor sie zur Kasse ging und der Mitvierzigerin einen Preis nannte.

Die wurde daraufhin ganz aufgeregt.  „Und warum ist das dann nicht billigääär?“, rief sie mehrmals vorwurfsvoll und: „Ich dachte, wenn das in der Kiste ist, dann ist das bestimmt billigääär!“ – „Nein“, antwortete die Verkäuferin, „das ist ganz normale Ware, die ich gerade einsortiere.“ – „Na wenn das nicht billigääär ist“, entgegnete die Kundin und ging mit beleidigtem Schritt in Richtung Ausgang, „wenn das nicht billigääär ist, dann will ich das aber nicht!“

Am Ausgang stieß sie fast mit einem hochgewachsenem Verkäufer zusammen, der verzweifelt versuchte, seine Kollegin dabei zu unterstützen, die leergefegten Regale wieder aufzufüllen. Vor seiner Brust balancierte er einen Stapel in Plastik verpackter blauer und pinker Sommerkleider, der ihm bis über die Nasenspitze reichte. Trotz der so eingeschränkten Sicht gelang es ihm erstaunlich gut, den rein- und rausströmenden Kunden auszuweichen und dabei immer wieder mehr oder weniger freundlich „Darf ich mal! Darf ich mal!“ zu brummen.

Die zumeist weiblichen Kunden interessierte das nicht. Sie kämpften hier schließlich mit harten Bandagen. Wenn es schon keine Handyhüllen und keine MP3-Player mehr gab, dann wollte man sich zumindest die Sommerkleider nicht entgehen lassen.

In diesem Sinne, wer zu spät kommt, den bestraft der „Sale!“

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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