Mitmenschen Splitter

Stautänzerin

Am Anfang hatte ich Angst vor ihr. Weil sie die ganze Zeit auf ihrem Handy rumtippte. Weil sie deswegen zwei mal zu spät bremste und mir beinahe draufgefahren wäre.

Begegnet sind wir uns irgendwo hinter Karlsruhe auf der A5. Sie war Schweizerin, zumindest war ihr Auto dort zugelassen. Mit dem rollte sie nun geraume Zeit hinter her. Zehn Kilometer stop&go hatte es im Radio geheißen – leider erst, als ich schon mitten drin im stop und vom go nur sporadisch etwas zu spüren war.

Zuerst mochte ich sie nicht. Ihre Sonnenbrille war viel zu groß für ihr Gesicht und ließ sie arrogant aussehen. Einen Fuß hatte sie vorne auf das Armaturenbrett gelegt – keine Ahnung, wie sie trotzdem fahren konnte. Mit der rechten Hand hielt sie hin und wieder das Lenkrad fest, die meiste Zeit tippte sie damit allerdings auf ihrem Handy rum, das sie mit der linken Hand vor ihrem Gesicht balancierte. Wohl um sowohl auf das Display als auch auf die Straße sehen zu können.

So richtig klappte das, wie schon gesagt, nicht. Einmal konnte ich einem Unfall nur entgehen, indem ich dem Fahrer vor mir einen ordentlichen Schreck einjagte, weil ich mein Auto in letzter Sekunde bis auf wenige Zentimeter an seine Stoßstange heranhopsen ließ und laut hupte.

Es war also nicht uneigennützig, dass ich die Fahrerin hinter mir beobachtete – und sie hätte eigentlich auch damit rechnen müssen. Tat sie vielleicht auch. Trotzdem tanzte sie.

Vielleicht lag es an einem Lied, dass gerade im Radio kam oder an einer SMS, die sie bekommen hatte, während sie mir beinahe draufgefahren war. Möglicherweise hatte sie einfach gute Laune. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht begann sie erst mit dem Kopf zu nicken, später fielen auch ihr Oberkörper und ihre Arme in die Bewegung ein.

Alles zusammengenommen hatte dieser Tanz etwas von in-der-Nase-Bohren – etwas was Autofahrer gerne auf der Autobahn tun, was ihnen aber sofort peinlich ist, wenn ihnen auffällt, dass sie wider erwarten dabei beobachtet werden. Nur dass es der Stautänzerin nicht peinlich war – und wenn, war das für sie kein Grund, mit dem Tanzen aufzuhören. Und auf einmal war sie mir doch sympathisch.

In diesem Sinne, Vorsicht mit dem Finger in der Nase beim Autofahren!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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