Gedankenwelten

Seiltänzer

Sonntagmorgen, noch relativ früh. Der Nieselregen schlägt sich als feiner feuchter Film auf den Fenstern der Straßenbahn nieder. Das Draußen wirkt seltsam verzerrt. Fast hätte ich ihn darum auch gar nicht gesehen.

Er hatte schneeweiße Haare und trug ein Hemd, dessen ebenfalls weißer Kragen oben aus dem dunklen Mantel heraus schaute. Seine Hose war passend zum Mantel gewählt, seine Schuhe glänzten trotz des Regens wie frisch geputzt. Er muss so um die 70 Jahre alt gewesen sein, vielleicht auch älter. Gewirkt hat er allerdings deutlich jünger.

Ich hatte nicht lange Zeit, ihn lange zu beobachten, doch es reichte, um beeindruckt zu sein. Die Bahn hatte an der Haltestelle “Kongresszentrum” gehalten und dann schnell wieder Fahrt aufgenommen, vorbei am Novotel und an den in Stein gefassten, langgezogenen Blumenbeeten, die hier den Bürgersteig begrenzen.

Auf einer dieser Steineinfassungen balancierte der Mann. Wie ein Kind setzte er auf die schmale Steinkante einen Fuß vor den anderen. Dabei wirkte er unendlich konzentriert und leichtfüßig zugleich – und auf eine ganz eigene Art fröhlich.

Der Regen schien ihm genau so egal wie die Blicke der Leute aus der Straßenbahn. Er hatte keine Angst zu fallen, das konnte man sehen. Er wirkte wie ein Kind, das noch nie gefallen ist – oder wie ein alter, schlauer Mann, der begriffen hat, dass Fallen gar nicht so schlimm ist.

In diesem Sinne, Gruß an den unbekannten Mann!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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