Karlsruhe Mitmenschen

Nützlich verrückt

Dieses Mal habe ich eine Zeugin! Nennen wir sie Klaus. Sie hat nämlich explizit darum gebeten, dass ich sie nicht namentlich erwähne. Andererseits hat sie selbst gesagt, dass diese Situation möglicherweise in meinem Blog landen könnte. Hier schreibe ich schließlich immer wieder von seltsamen Begebenheiten, meist aber eben von solchen, die ich allein erlebt habe. Dieses Mal habe ich also jemand, der im Notfall für meine Worte bürgen könnte.

Das Setting: Eine Straße, zwei Fahrradfahrer und ein kleiner, verrückter Mann. Der saß in einem viel zu großen Mercedes-Kombi in einer Parklücke gegenüber und starrte uns zunächst nur an – quer über die viel befahrene Straße hinweg. Die wollten wir überqueren und achteten daher zunächst vor allem auf die fahrenden Autos, nicht auf den seltsamen Mann. Dabei tat der alles, um uns auf ihn aufmerksam zu machen. Erst versuchte er es mit wildem Gestikulieren, dann mit lautem Hupen. Schließlich wurde es ihm offenbar zu bunt, dass wir ihn ignorierten. Er stieg aus.

Die fahrenden Autos ignorierend, kam er zu uns rüber. Er sah erst mich an, dann Klaus. “Du!”, sagte er, “Du!”. Sein Finger deutete in meine Richtung. “Du musst abnehmen. Radfahren ist gut.” Sein Finger schnellte weiter auf Klaus. “Und Du!”, schoss er, “Du musst lächeln!”

Der Finger des kleinen, glatzköpfigen Mannes schwang noch ein wenig zwischen uns hin und her, dann marschierte er zurück zu seinem Kombi.

Leider war der Verkehr auf der an diesem Abend wirklich sehr viel befahrenen Straße nicht weniger geworden, so dass Klaus und ich wohl noch ewig mit unseren Rädern auf dem Bürgersteig gestanden hätten – wäre der Verrückte nicht gewesen. Der war beim Überqueren der Straße zwar fast überfahren worden, störte sich daran aber nicht. Im Gegenteil. Kurz nachdem er sich wieder in sein Auto gesetzt hatte, fing er wieder an, wild zu gestikulieren.

Was er uns sagen wollte, kann ich nur erraten. Fest steht, dass er kurz darauf wieder aus seinem Auto ausstieg. Todesmutig stellte er sich mitten auf die Straße. Wie ein zu groß geratener Schülerlotse streckte er beide Arme von sich, ignorierte das Schimpfen der zum Anhalten gezwungenen Autofahrer und winkte uns mit einem Kopfnicken zu, endlich loszufahren.

So gesehen war der Verrückte also tatsächlich eine Hilfe, auch wenn ich nicht soweit gehen würde, mich dafür bei ihm zu bedanken.

In diesem Sinne, gute Fahrt und so …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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