Reisewelten Sehnsucht

Norddeutschland und das Ende der Welt (Kassel)

Ich bin in Kassel. Oder am Ende der Welt. Beides trifft es. Vielleicht liegt das daran, dass ich am Ende von Kassel bin. Das Hotel, in dem ich heute übernachte, liegt einige Kilometer außerhalb der Kernstadt an der Fulda. Es fühlt sich sehr verlassen an. Ein Gefühl, das nicht zu dem vollen Parkplatz passen will. Als ich am späten Nachmittag ankam, hatte ich bereits Mühe, eine freien Platz zu finden.

Wo sind all die Menschen? Jedenfalls nicht im Hotelrestaurant, das zugleich ein Ausflugslokal ist. Ich bin sicher, dass bei besserem Wetter hier mehr los ist. Der Biergarten sieht nett aus und liegt direkt am Fluß. Heute dagegen teile ich mir das Lokal mit genau zwei weiteren Menschen. Der Mann am Nachbartisch ist dem Dialekt nach Berliner. Oder aus dem Berliner Umland. Die meisten Menschen, die sich anhören, als kämen sie direkt aus Berlin, kommen nämlich meiner Erfahrung nach aus Brandenburg. Sie leben in Orten, die die meisten Wahlberliner nur als S-Bahn-Endhaltestellen kennen. Als ich selbst noch Wahlberliner gewesen bin, habe ich sogar mal an einer Artikelserie mitgewirkt, bei der es genau darum ging: einmal mit der S-Bahn bis zur Endhaltestelle fahren und schauen, was da eigentlich ist.

Er bestellt Currywurst. War klar. Ich habe Fleischsülze bestellt. Die war allerdings aus, so dass ich mich für „Forelle, Müllerinnen Art“ entscheide. Dazu Bratkartoffeln. Das Essen kommt schnell und ist in Ordnung.

In einer Ecke des Lokals sitzt ein Mann von mindestens 90 Jahren. Er ist sehr dünn und sehr dick eingepackt. Über dem Wollpullover trägt er eine dicke blaue Daunenjacke. Vor sich auf dem Tisch hat er eine leere Kaffeetasse und ein volles Glas Wasser stehen. Obwohl die Tasse offensichtlich leer ist, führt er sie immer wieder zum Mund und macht laute, schlürfende Geräusche, bevor er sie wieder zurück auf die Untertasse stellt. Außerdem liest er in einer Zeitung, aus der er regelmäßig einzelne Artikel herausreißt. Ich frage mich, ob er die Artikel herausreißt, die ihm gefallen haben, oder die, die er nicht mochte. So oder so: der nächste Leser dürfte wenig Spaß an der Zeitung haben, die an einem langen Stück Holz befestigt ist und somit wohl zum Restaurant-Inventar gehört.

Dass ich hier in Kassel / am Ende der Welt sitze, hängt damit zusammen, dass Kassel relativ in der Mitte Deutschlands liegt. Das ist günstig, wenn man auf dem Weg von Flensburg nach Karlsruhe einen Stopp einlegen möchte. Rund 1800 Kilometer bin ich in den vergangenen fünf Tagen gefahren, 330 liegen noch vor mir.

Das klingt schlimmer als es ist. Tatsächlich habe es mir ja selbst ausgesucht. Eigentlich jedes Jahr nehme ich mir ein paar Tage frei, in denen ich mich einfach nur ins Auto setze und drauflos fahre. Jeden Tag ein neues Ziel. Im ersten Jahr habe ich mich dabei auf Mitteldeutschland konzentriert. Weimar, Erfurt, Dresden – das waren alles Städte, die ich nur vom Hörensagen kannte und nun endlich einmal anschauen wollte.

Irgendwann verlagerten sich meine Routen wie von selbst immer weiter nach Norden. Ich bin in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, meine Eltern sind allerdings beide in Norddeutschland aufgewachsen. Mein Vater wurde sogar in Dänemark geboren. Das muss sich irgendwie auch in meinen Genen niedergeschlagen haben. Je flacher und weiter das Land, desto wohler fühle ich mich.

Dass ich dafür jedes Mal einige Stunden im Auto sitzen muss, stört mich nicht. Im Gegenteil: der Weg ist hier nicht nur sprichwörtlich das Ziel. Ich fahre nicht, um anzukommen, jedenfalls nicht nur. Vielmehr genieße ich es, unterwegs zu sein, dabei Hörbücher oder Musik zu hören und meinen Gedanken nachzuhängen. Da ich es nicht eilig habe, stören mich selbst Staus nur bedingt. Wobei die ohnehin seltener werden, wenn man erstmal Hamburg hinter sich gelassen hat.

Besonders gern mag ich die schmalen Landstraßen, auf denen man kilometerweit nichts sieht außer grünen Wiesen, Schafen und hin und wieder einen Bauernhof, so wie auf dem Bild oben. Andere Autos kommen einem hier nur hin und wieder entgegen, was gut ist, weil die Straßen oft so schmal sind, dass zwei Autos eigentlich nur hinter-, nicht aber nebeneinander darauf Platz haben. Trotzdem geht es jedes Mal gut.

Ich mag diese Reisen, auch wenn sie bedeuten, dass ich irgendwann in Orten wie Kassel lande. Versteht mich nicht falsch: ich habe nichts gegen Kassel. Nur heißt, dass ich hier in Kassel in diesem Hotel sitze, dass meine Reise zu Ende geht. Das macht mich traurig.

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass viele Menschen das Gefühl haben, nach Hause zu kommen, wenn sie das erste Mal in Afrika sind. Wegen: Afrika, Wiege der Menschheit, und so. Ich kann das bisher nicht bestätigen. Ich war aber bislang auch nur einmal auf dem afrikanischen Kontinent. Eine Woche Pauschalurlaub in Tunesien. Das ist fast 20 Jahre her und zählt vermutlich nicht. Nachvollziehen kann ich dieses Zuhause-Gefühl aber durchaus. Ich habe es jedes Mal, wenn ich in Norddeutschland bin. Und jedes Mal, wenn ich wieder weg fahre, fällt mir das unglaublich schwer. Kassel macht das – verzeiht mir liebe Menschen von hier – nicht wirklich leichter.

In diesem Sinn, moin!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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