Desillussionierend Reisewelten

Nein!

2015-07-06-Auto

Manchmal widerspreche ich Dir einfach nur aus Spaß. Am liebsten, wenn noch andere Menschen dabei sind. „Nein!“, sage ich dann knapp, aber bestimmt und mit einem Lächeln auf den Lippen. Manchmal sehe ich Dich dabei nicht einmal an.

Du kannst mich nicht hören. Das glaube ich zumindest. Mit der Funktion „Sprachsteuerung“ habe ich nie viel anfangen können. Lieber programmiere ich Dich auf die altmodische Art und Weise: per Fingerzeig auf Deinem Touchscreen. Schlägst Du mir verkehrsbedingt alternative Routen vor, bin ich inzwischen mehr als skeptisch. Viel zu oft hast Du mich enttäuscht.

Ich fahre gerne mit Navi. Selbst wenn ich auf der Strecke Karlsruhe – Neu-Ulm unterwegs bin, schalte ich Dich immer ein. Ich bin ziemlich sicher, diese Route inzwischen mit verbundenen Augen fahren zu können. Dennoch schätze ich es gerade am Freitagabend, sowohl die noch zu fahrenden Kilometer als auch die geschätzte Ankunftszeit jederzeit abrufen zu können.

Schwierig wird unser Verhältnis immer dann, wenn Staus oder andere Verkehrsbehinderungen diese beiden Parameter zu beeinflussen zu beginnen. Etwas, das auf der A8 leider dauernd der Fall ist. Dein Standardsatz in solchen Momenten lautet: „Sie fahren immer noch auf der schnellsten Route!“.

Bitte ich Dich, dennoch nach Alternativen zu suchen, versicherst Du mir, dass dies unnötig sei, da Du dies ohnehin ständig tun würdest – und findest dann auf doch eine 30 Minuten schnellere Alternative zum Zwölf-Kilometer-Stau zwischen Stuttgart Flughafen und Kirchheim Teck (West). Das gilt zumindest für den Moment. Fünf Minuten später willst Du mir nämlich erzählen, dass sich besagter Stau soeben in Luft aufgelöst hat, und ich daher dringend wenden und wieder auf die Autobahn auffahren sollte.

Du bist gut darin, mich erst mit dem Versprechen völlig freier Fahrt von allen möglichen Alternativrouten fern zu halten, bevor Du mir unmittelbar hinter der Ausfahrt Aichelberg eröffnest: Neue Ankunftszeit etwa 70 Minuten später – stockender Verkehr zwischen Aichelberg und Mühlhausen.

Manchmal wundert es mich direkt, dass Du eine solche Ansage nicht mit diabolischem Lachen untermalst. Aber vermutlich kostet ein solches Soundfile extra.

Es ist nicht so, als würde ich nur auf Dich hören. Nachdem ich ein paar Mal auf Deine seltsamen Späße reingefallen bin, liebes Tom-Tom, höre ich um so aufmerksamer den Verkehrsfunk im Radio – ganz wie früher, als ich noch ohne Navi unterwegs war. Nur scheint die Stauschau im Radio inzwischen an manchen Tagen mindestens so sprunghaft wie Du. Staumeldungen von zehn und mehr Kilometern kommen aus dem Nichts – und verschwinden genauso schnell wieder dorthin. Zumindest theoretisch. Praktisch steht man ja weiter mitten drin, im Stau. Beruhigend dann Dein Satz, liebes Navi: „Sie fahren immer noch auf der schnellsten Route!“

In diesem Sinne, warum sollten Navis nicht lügen?

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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