Bulgarien Mitmenschen Reisewelten

Liege(n)kampf

2013-09-03-Liegenkampf

Ich hatte ja keine Ahnung! Ich habe allerdings auch lange keinen Pauschalurlaub gemacht. Und das waren wohl die meisten, die in dem fast 500 Zimmer beherbergendem Hotel untergebracht waren: Pauschalurlauber – und damit vermutlich zum Mitmachen verpflichtet.

I. und ich dagegen waren Zuschauer – für vier Tage hatten wir uns ganz ohne Frühbucherrabatt und Reisebüro in dem All-Inclusive-Hotel am bulgarischen Sonnenstrand eingemietet. An dem Kampf um die Liegen mussten wir uns daher nicht teilnehmen. Zumindest hatte uns keiner dazu aufgefordert oder sich gar bemüßigt gefühlt, uns die Regeln zu erklären.

Früh morgens aufstehen, zum Pool schlurfen, eine Liege mit seinem Handtuch markieren und fertig? So einfach hatte ich mir das in meiner kindlichen Naivität vorgestellt. Von wegen! Der Kampf um den richtigen Ruheplatz am hoteleigenem Wasser folgt einem komplizierten Reglement, das ich bis heute nur im Ansatz verstanden habe (was auch daran liegt, dass selbst dann schon die Hälfte der Liegen belegt waren, wenn wir mal ganz früh beim Frühstück waren).

Die Liegen werden nicht einfach nur besetzt, sondern zunächst einmal umgestellt. In Mannschaftsstärke stürmen ganze Familienclans den Poolbereich, um anschließend erst den perfekten Standort und dann den idealen Winkel zu Sonne, Sonnenschirm und Pool zu bestimmen. Zusätzliche Liegen werden von allen Ecken der Liegefläche herangeholt, damit alle Familienmitglieder gemeinsam dem Sonnenbad frönen können. Bereits in der Nähe stehende Liegen dagegen an weiter entfernte Plätze verbannt, wenn sie schon mit Handtüchern markiert worden sind.

Den Männern fallen dabei vor allem zwei Aufgaben zu: das Tragen der Liegen (inklusive Einparken) der Liegen – und das komplizierte Glattstreichen der Handtücher. Die Frauen übernehmen hingegen eher koordinatorische Aufgaben. Hektisch winkend oder rufend entscheiden sie, wo noch etwas nach vorne, nach hinten oder zur Seite gerückt werden muss.

Von oben betrachtet (der Frühstücksraum befand sich im ersten Stock) könnte man das morgendliche Schauspiel für ein aufwendig choreographiertes Theaterstück halten, was natürlich völliger Quatsch ist. Theater hat etwas mit Spaß und Unterhaltung zu tun. Der Kampf um die Liegen wiederum ist Krieg – und Krieg ist kein Spaß. Das habe ich in den vier Tagen Sonnenstrand gelernt.

In diesem Sinne, ich stell mir dann mal den Wecker …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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