Mitmenschen Tresenweisheiten

Komplize

Sie wären mir wohl gar nicht aufgefallen, wenn sie nicht in meinem Ohr gesessen hätten. Zumindest hatte ich das Gefühl, als säßen sie in meinem Ohr, was wohl vor allem an der Anordnung der Bierbänke lag. Dicht an dicht standen in dem Biergarten immer zwei Bänke nebeneinander, dann folgte ein Tisch und dann wieder zwei Bänke, so dass man beim Sitzen permanent aufpassen musste, den Hintermann nicht unfreiwillig als Lehne zu benutzen.

So ging es mir mit dem Paar, das hinter mir auf der Bank im Biergarten saß und eifrig miteinander flüsterte, während eine gemeinsame Freundin der Beiden in Richtung Toilette verschwand. “Sie hat zugenommen”, stellte die Frau in meinem Rücken fest und wippte mit dem Oberkörper leicht hin und her. “Aber nicht im Kopf”, entgegnete er, “lange kann ich mir ihre blödsinnigen Geschichten nicht mehr anhören.”

Wenig später kam die Freundin, eine junge Blondine mit frechem Gesichtsausdruck und eng anliegender Jeans, von der Toilette zurück. Sie war mir sofort sympathisch – vielleicht gerade weil ihre vermeintlichen Freunde gerade noch so schlecht über sie geredet hatten. “Trinken wir noch eine Runde”, fragte sie, “Nicole kommt gleich auch noch nach.”

Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da hatte sich das Paar in meinem Rücken schon erhoben. “Tut uns echt total leid, aber keine Zeit” sagte er  und faselte etwas von einer Lerngruppe, die gleich vor der Tür stehen würde. Die Freundin des Typs nickte eifrig und winkte zugleich der Kellnerin und kramte zumindest dem Geräusch nach zu urteilen nach ihrer Geldbörse.

Die Blondine blieb allein zurück, während ich mich komisch fühlte. Ich kannte weder das unfreundliche Paar noch deren Freundin, dennoch wusste ich mehr darüber, wie die beiden über sie dachten, als sie selbst. Irgendwie erschien mir das falsch – ich kam mir vor, wie ein unfreiwilliger Komplize. Ich kannte keinen der drei, trotzdem wusste ich, was das Paar von der gemeinsamen Freundin hielt. Das irritierte mich. Zumindest bis Nicole, die Freundin der Freundin, kam.

“Wo sind Anna und Markus”, wollte die wissen. “Gerade gegangen”, antworte die Blondine, “zum Glück, ich kann mir dieses Gerede von Lerngruppen und Kochabenden einfach nicht mehr anhören!” “Kochabende?”, antworte Nicole, “kein Wunder, dass Anna in letzter Zeit so zugenommen hat.”

In diesem Sinne, frohes Lästern!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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