Fremde Federn Zeitreisen

Kästner, E.

Die letzten beiden Zeilen zieren mein Blog schon seit einigen Jahren. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte. Außerdem passen sie eigentlich immer. Man kann sie sogar auf Parties zitieren und so besonders intellektuell wirken. Am größten ist die Wirkung meiner Erfahrung nach, wenn man den Autor erst im Nachhinein verrät. Mit Erich Kästner verbinden die meisten Menschen schließlich eher Kinderbücher.

“Zusammenfassend lässt sich etwas sagen:
Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter.” 

Abgeschrieben habe ich diese beiden Zeilen aus einem Buch, das mich nun zwar schon seit einigen Jahren und bei diversen Umzügen begleitet hat: “Kästner für Erwachsene”. In die Hand gedrückt hat mir das irgendwann mein Vater, der sogar Kästners Todestag am 29. Juli 1974 darin festgehalten hat (das Buch selbst stammt aus dem Jahr 1966 und wurde meines Wissens danach leider nicht mehr neu aufgelegt).

Ich nehme es zwar selten, dann aber immer wieder gerne in die Hand. Und weil ich das gerade wieder getan habe, finde ich, es wird Zeit, nun endlich auch den Rest von Kästners “Kurzgefasster Lebenslauf” hier zu verewigen:

Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren.
Er sitzt im All auf einem Baum und lacht.
Ich wurde seinerzeit als Kind geboren,
eh ich’s gedacht.

Die Schule, wo ich viel vergessen habe,
bestritt seitdem den grössten Teil der Zeit.
Ich war ein patentierter Musterknabe.
Wie kam das bloss? Es tut mir jetzt noch leid.

Dann gab es Weltkrieg, statt der grossen Ferien.
Ich trieb es mit der Fussartillerie.
Dem Globus lief das Blut aus den Arterien.
Ich lebte weiter. Fragen Sie nicht, wie.

Bis dann die Inflation und Leipzig kamen;
Mit Kant und Gotisch, Börse und Büro,
mit Kunst und Politik und jungen Damen.
Und sonntags regnete es sowieso.

Nun bin ich zirka 31 Jahre
Und habe eine kleine Versfabrik.
Ach, an den Schläfen blühn schon graue Haare,
Und meine Freunde werden langsam dick.

Ich setze mich gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.

Auch ich muss meinen Rucksack selber tragen!
Der Rucksack wächst. Der Rücken wird nicht breiter

[In diesem Sinne:]

Zusammenfassend lässt sich etwas sagen:
Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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