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Goldwaage

Eigentlich war er nur so dahergesagt, ein Satz zwischen vielen anderen Sätzen eben. Doch nicht für sie. Zielsicher hatte sie sich diesen einen Satz herausgepickt und ritt nun schon eine gefühlte Ewigkeit darauf herum. „‚Manchmal finde ich dich schon schwierig‘ – sowas sagt man doch nicht einfach so“, beharrte sie. „Doch“, antwortete ich, „genau das tut man.“

Sie war eine gute Freundin von mir, vielleicht sogar mehr, ganz sicher war ich mir da nicht. Weder von ihrer noch von meiner Seite. Möglicherweise legte sie deshalb nicht nur jedes meiner Worte auf die Goldwaage, sondern beschwerte einige davon sogar noch mit zusätzlichem Gewicht.

16.000 Wörter sagt ein durchschnittlicher Mensch pro Tag. Das hat der deutsche Psychologe Matthias Mehl herausgefunden, nachdem er das Sprechverhalten von 400 amerikanischen Studenten untersucht hatte. Als besonders bemerkenswert wurde bei Veröffentlichung der Studie hervorgehoben, dass es keinen nennenswerten Unterschied zwischen Männern und Frauen zu geben schien. Was Mehls Probanden den lieben langen Tag plapperten blieb dagegen gänzlich unberücksichtigt. Dabei liegt genau hier das Problem.

Bei 16.000 Worten kann nicht jedes einzelne perfekt sitzen. Im Gegenteil: Vermutlich ist sogar ein Großteil dessen, was wir so täglich von uns geben, ziemlicher Blödsinn – zumindest wenn man mit der Goldwaage daherkommt. Und dummerweise können wir nicht wirklich steuern, wann unser Gegenüber eben das tut.

Immer wieder erwische ich sogar mich selbst dabei, wie ich mich an einzelnen Sätzen oder Worte klammere. Ich analysiere sie, ziehe Schlüsse und konstruiere aufwendige Gedankenpyramiden – während mein Gesprächspartner sich später nicht mal daran erinnern kann, dieses oder jenes überhaupt gesagt zu haben.

Kein Wunder: Ein Gespräch ist schließlich kein Arbeitszeugnis, bei dem jede Differenzierung wohl überlegt ist. Meist macht es keinen Unterschied macht, ob man nun „volle“ oder „vollste“ Zufriedenheit sagt. Trotzdem neigt der Mensch offenbar dazu, hin und wieder genau diese Überlegtheit anzunehmen – und das nicht immer zu recht.

„Manchmal finde ich Dich schon schwierig.“ Ich hatte das schon Tage vorher gesagt. Wir hatte darüber gescherzt, dass sie jede Speisekarte drei Mal lesen musste, ehe sie sich für ein Gericht oder ein Getränk entscheiden konnte. Gedacht hatte ich mir bei der Äußerung nichts, wohl aber mit dem Nachgeschobenem „Aber genau darum mag ich dich“. Nur hatte sie das leider vergessen – obwohl das durchaus ernst gemeint gewesen war.

In diesem Sinne, nicht immer gut zuhören!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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