Reisewelten

Gefängnissurfen

Stellt Euch ein Zimmer vor, das etwa so gross ist wie eine Gefaengniszelle. (Fuer alle, die noch nie eine Gefaengniszelle gesehen haben: irgendwas zwischen sechs und neun Quadratmetern). Nun fuellt diesen Raum in Gedanken mit zwei Spinden und drei Doppelstockbetten und sechs Personen. Jetzt wisst Ihr, wie ich derzeit residiere.

Seit gestern morgen bin ich in Tarifa, dem suedlichesten Punkt des europaeischen Festlandes mit gutem Blick auf die nur 15 Kilometer entfernte Kueste von Marokko. Und um ehrlich zu sein bin ich froh, ueberhaupt ein Bett gefunden zu haben. Tarifa platzt naemlich – wie mein Sechs-Bett-Zimmer seit ich es unter anderem mit drei modebewussten Irinnen teile – aus allen Naehten. Trotzdem wirkt der 17.000-Einwohner-Ort so entspannt wie noch kein anderer waehrend meiner Reise.

Schuld sind die Surfer. In Tarifa kann man sich naemlich nicht nur entscheiden, ob man lieber im Mittelmeer oder im Atlantik schwimmen gehen moechte, die kleine Stadt gilt ausserdem als Mekka der Kite-Surfer aus der ganzen Welt. Einer von ihnen hat mir erzaehlt, es gebe hier mehr Surf-Shops als auf Hawaii. Keine Ahnung, ob das stimmt.

Alles scheint hier etwas langsamer und entspannter vor sich zu gehen als anderswo. In den Restaurants und Bars sitzen freundlich lachende Menschen, die so zufrieden wirken, dass es direkt ansteckend wirkt. Surfbretter gehoeren ganz selbstverstaendlich zum Strassenbild. Genau so wie die grossen Rucksaecke auf den Schultern der Neuankoemmlinge, die im regelmaessigen Takt der Busse die Hauptstrasse entlang wandern, um sich ein Hotel oder eben eine Gefaengnisszelle zu suchen.

Laut Reisefuehrer gibt es in Tarifa mehr als 30 Surfschulen. Um einen Ueberblick zu bekommen, muss man sich nur eine Stunde lang in eines der Cafés in der Altstadt setzen und warten, wie der Stapel der Flugblaetter auf dem Tisch groesser wird. Verteilt werden die von durchtrainierten Surferboys mit blonden, vom Meer ausgewaschenen Haaren und Frauen mit braunen Ruecken und in sehr kurzen Shorts.

Eine andere Moeglichkeit ist, die Stadt zu verlassen und an der Kueste entlang in Richtung Cadiz zu fahren (ich hatte Glueck und habe nette und motorisierte Leute kennengelernt). Ueber elf Kilometer Strand sind hier neben der Strasse ausgebreitet. Hinzu kommen unzaehlige Kite-Hotels, drei oder vier Campingplaetze und diverse kostenpflichtige Parkplaetze. Am Strand selbst gibt es immer wieder Bretterverschlaege. In den meisten wird Surf-Zubehoer gelagert, einige dienen als Strandbars mit Chill-Out-Musik, Cocktails und Bier fuer zwei Euro.

Obwohl ich mir hier den wohl zweit- oder drittschlimmsten Sonnenbrand meines Lebens geholt habe und seit zwei Tagen Sand zwischen den Zaehnen hab, mag ich Tarifa.

In diesem Sinne, auf weitere zwei Tage Gefaengniszimmer!

Autor

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare

  1. Klingt fast so komfortabel wie die Zimmer, in die du vor langer Zeit selber ahnungslose Touristen in der Hauptstadt gestapelt hast, nur dass es sich auf der Spree nicht ganz so gut surfen lässt 🙂

  2. Ich hab ja sogar selbst in einem dieser Zimmer übernachtet, bevor ich angefangen hab, andere da rein zu stapeln. Ich würde sagen: die in Spanien waren halb bis ein Drittel so groß …

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