Gedankenwelten

Gedankenspiele

Das Gehirn kann nicht nichts tun, habe ich jedenfalls mal irgendwo gelesen. Verweigert man ihm eine konkrete Aufgabe, fängt es irgendwann an, sinnlos vor sich hin zu denken. Möchtegern-wissenschaftlich formuliert könnte man sagen: Es probiert wahllos neuronale Verknüpfungen aus.

Zugegeben, ich bin kein Hirnforscher und war auch nie einer. Praktisch stelle ich mir das menschliche Denken aber wie ein riesengroßes, kompliziertes Spinnennetz vor. Jeder Knotenpunkt steht für einen Gedanken oder eine Erinnerung.

Anders als bei einem Spinnennetz sind die Verbindungen zwischen den Knotenpunkten aber von sehr unterschiedlicher Qualität. Es gibt breite, staufreie Autobahnen und schmale Feldwege, gut erschlossene Strecken und eher selten befahrene Schleichwege. Außerdem ist das Streckennetz ständig in Bewegung. Wird eine bisher kaum genutzte Strecke plötzlich andauernd befahren, beginnt sie zu wachsen und wird irgendwann zum Expressway. Ungenutzte Strecken veröden dagegen.

Spannend wird es, wenn man keine Richtung vorgibt. Plötzlich entstehen Wege, die vorher nicht da waren. Das Gehirn beginnt einfach, auf gut Glück Verbindungen zu erschließen. Zugleich laufen die Gedanken quasi wahllos von Knotenpunkt zu Knotenpunkt.

Wie von Zauberhand kommt der nicht-denkende Denker von einem Gedanken zum nächsten: Vom Sonnenuntergang im letzten Urlaub über die roten Untertassen von Tante Annis Teeservice hin zum Glücksrad, das in der Wohnung des besten Freundes in der 6. Klasse immer im Fernsehen lief. Je länger man diese Gedankensprünge verfolgt, desto spannender wird es.

Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen sich für Sternenhimmel, Sonnenuntergänge und sinnloses aus-dem-Zugfenster-Starren begeistern können? Alles großartige Möglichkeiten, die Gedanken einfach mal frei fließen zu lassen – und nebenbei das ureigene Spinnennetz im Kopf besser zu erschließen.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Nicht-Denken!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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