Plötzlich liest sie. Alles. Ständig. „Papa, können wir kurz stehen bleiben, damit ich das Schild lesen kann?“, sagte meine ältere Tochter kürzlich wieder einmal. Gemeint war dieses Mal der in Schwarz auf Gelb gehaltene Hinweis in unserer Tiefgarage, dass ein längerer Aufenthalt wegen der Abgase der Gesundheit schaden könnte.
Ein Dreivierteljahr ist die Einschulung nun her und ich glaube sagen zu können: Wir haben uns daran gewöhnt. Wobei ich damit nicht nur uns Eltern meine, sondern auch meine beiden Töchter.
Natürlich wussten wir, dass die Einschulung ein Einschnitt werden würde. Allerdings war uns nicht so richtig klar, an welchen Stellen überall.
Da ist zum Beispiel das frühe Aufstehen. Langschläfer war ich nie (auch wenn ich gerne mal länger schlafen würde, als meine Tochter es normalerweise zulässt). Trotzdem habe ich es in den ersten Wochen als durchaus sportlich empfunden, immer pünktlich zur gleichen Zeit das Haus zu verlassen. Als beide Kinder noch in der Kita waren, waren fünf Minuten früher oder später egal. Jetzt gibt der Gong in der Schule den Takt vor und strafft damit auch unsere Morgenroutine zuhause.
Noch eben was zu Ende basteln? Früher war das an den meisten Morgenden kein Problem. Jetzt schon. Aufstehen, Anziehen, Frühstücken, Zähneputzen, Schuhe anziehen, aus dem Haus gehen. Viel Zeit für etwas anderes bleibt an den meisten Tagen nicht – zum großen Leidwesen meiner Tochter, die oft schon direkt nach dem Aufstehen eine Idee für ein Bild oder sonst ein Projekt hat, das sie gerne angehen möchte.
Ungewohnt auch der erste Elternabend. In der Kita waren Elternabende immer recht kuschelige Angelegenheiten. Nicht körperlich natürlich, aber durchaus seelisch. Meistens herrschte eine entspannte und ausgesprochen harmonische Atmosphäre. Erzieherinnen und Erzieher erzählten von Ausflügen oder von neuen Projekten, bei denen mal Dinosaurier im Vordergrund standen, dann wieder die Gefühlswelt der Kinder und warum es okay ist, wenn man zwischendurch „Stopp!“ sagt.
In der Schule ist das anders. Wir haben großes Glück und eine wirklich tolle Lehrerin erwischt. Elternabende sind trotzdem eher unidirektionale Angelegenheiten. Wir Eltern sitzen auf den viel zu kleinen Stühlen unserer Kinder und lauschen dem, was in den letzten sechs Monaten gelernt wurde, was von den Kindern in den nächsten sechs Monaten erwartet wird und was wir als Eltern dazu beizutragen haben.
Gut, das ist etwas überspitzt, trifft aber trotzdem den Kern. In der Kita hatte ich das Gefühl, mitzureden. In der Schule geht das auch, aber in einem deutlich geringeren Ausmaß. Wir gestalten nicht mehr das System mit, das System ist hier vorgegeben.
Das zeigt sich auch daran, dass wir als Eltern viel weniger mitbekommen. In der Kita habe ich meine Tochter morgens in ihre Gruppe gebracht, wo sie normalerweise freudestrahlend von einem Erzieher oder einer Erzieherin in Empfang genommen wurde. In der Schule verabschiede ich mich an der Tür – oder auch ein paar Ecken davon entfernt, wenn meine Tochter findet, dass sie den Rest des Schulweges jetzt alleine gehen möchte.
Nachmittags spuckt die gleiche Tür meine Tochter wieder aus. Die Schule selbst betrete ich eigentlich nur bei Elternabenden und Elternsprechtagen – oder einmal im Jahr zum Geburtstag meiner Tochter, um das Kuchenblech nach oben zu tragen. Ich habe viel weniger ein Gefühl dafür, wie dieser Ort ist, an dem meine Tochter nun jeden Tag acht Stunden ihrer Lebenszeit verbringt.
Doch nicht nur für die jetzt Schulkind-Tochter ist es anders. Auch die jüngere Schwester musste sich erstmal umstellen. Früher waren meine beiden Mädels schon auf dem Weg zur Kita in irgendeinem Spiel versunken, das sie dann in der Kita weitergespielt haben. Der Abschied fand dann eher nebenbei statt.
Jetzt ist der Abschied plötzlich wieder spürbar. Verstärkt wird das dadurch, dass wir nun oft einen Tick früher dran sind als früher und meist noch nicht so viele potenzielle Spielkameradinnen da sind.
Als ich gerade Vater geworden bin, haben mir erfahrene Eltern immer geraten, die Zeit zu genießen. „Spätestens wenn sie mal in der Schule sind, geht alles rasend schnell“, hieß es dann zuverlässig. Jetzt erlebe ich es selbst. Und trotzdem versuche ich, den einen oder anderen Moment ein Stück länger festzuhalten. Mit mäßigem Erfolg.
In diesem Sinne, bald kommt ja schon die zweite Klasse!


