„Kinder kommen nicht nach anderen Leuten.“ Meine Mutter liebt diesen Satz. Am liebsten sagt sie ihn mit einem leicht schadenfrohen Unterton. Denn anders formuliert bedeutet er nichts anderes als: die Chancen, dass Dein Kind das, was Dich am meisten an ihm nervt, von Dir selbst übernommen hat, sind ziemlich groß.
Kinder kommen nicht nach anderen Leuten. Dieser Satz ist der Grund, warum ich mich mindestens einmal pro Woche demonstrativ mit meiner Zeitung oder meinem Buch ins Wohnzimmer setze und lese. Oder warum ich versuche, nie etwas zu versprechen, was ich nicht sicher einhalten kann und regelmäßig betone, wie gerne ich mehrmals in der Woche zum Sport gehe.
Kinder lernen vor allem durch Nachmachen. Ich kann meinen Töchtern hundertmal sagen, dass man nicht lügen soll – am Ende halten sie mir das eine Mal vor, als ich einigen Jugendlichen, die verbotenerweise an einem Baugerüst zu einem fremden Balkon hochgeklettert sind, mit der Polizei gedroht, diese dann aber doch nicht alarmiert habe. „Papa, da hast Du aber schon gelogen“, erinnert mich meine Siebenjährige bis heute, auch wenn der Vorfall schon zweieinhalb Jahre her ist.
Kinder kommen nicht nach anderen Leuten. Je älter meine Mädels werden, desto mehr von mir erkenne ich in ihnen wieder. Leider gilt das auch für Eigenarten, die ich gar nicht weitergeben möchte. Ich frage mich dann, wie das passieren konnte. Habe ich nicht stets darauf geachtet, dieses oder jenes bewusst nicht vorzuleben? Trotzdem ist es plötzlich da.
Die Wissenschaft streitet bis heute, welchen Einfluss die Erziehung gegenüber den Genen hat. Es gibt Momente, da würde ich sagen: 0 Prozent zu 100 Prozent. Meistens dann, wenn es um Eigenschaften geht, die ich an mir selbst (oder, seltener, an meiner Partnerin) schon anstrengend finde und die meine Kinder nun zu potenzieren scheinen.
Meine Ernsthaftigkeit etwa. Schon als Kind war ich oft viel zu verbissen, ungeduldig, wollte immer schon zwei Schritte weiter sein als ich war. Für meine Töchter habe ich mir immer mehr Leichtigkeit gewünscht – und doch erlebe ich vor allem bei meiner Ältesten oft die gleiche emsige Entschlossenheit, die meine Eltern mir schon als kleinem Jungen nachgesagt haben. Woher kommt das, wo ich mich doch so bemühe, nun zu vermitteln, dass man eben nicht immer ernst und strebsam sein muss?
Gefährlich wird es, wenn es Eigenschaften sind, die einen an sich selbst schon nerven. Vor allem, weil man sich dessen oft gar nicht bewusst ist oder es erst wird, wenn man ehrlich darüber nachdenkt. Denn Kinder sind schon sehr gut darin, einem bewusst oder unbewusst den Spiegel vorzuhalten.
Kinder kommen nicht nach anderen Leuten. Und doch – sie sind nicht nur Echo. Sie entwickeln sich auch Jahr für Jahr mehr zu eigenständigen Persönlichkeiten. Manchmal, indem sie das weiterentwickeln, was sie von den Eltern mitbekommen haben.
Schon jetzt bewundere ich die Offenheit, mit der sie in Kindergarten und Schule auf andere Kinder zugehen. Ich kann mich nicht erinnern, hier derart unbeschwert gewesen zu sein. Oder haben sie das von meiner Frau? Ich staune über die Kreativität und den Mut, mit denen sie sich die Welt erobern. War ich auch so mutig? Auf jeden Fall noch nicht in diesem Alter.
Überhaupt: wir stehen ja noch ziemlich am Anfang. Das betont zumindest eine leise Stimme in mir, die mich schon jetzt an einen anderen Spruch erinnert, den meine Mutter ebenfalls gerne zitiert: Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen. Es kommt also vermutlich noch so manches auf mich zu.
In diesem Sinne, auf die nächsten sieben Jahre!


