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Fremde Nähe

45 Zentimeter. So nahe dürfen uns fremde Menschen kommen, ohne dass wir uns von ihnen belästigt fühlen. Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Mich haben sie im Rahmen dieser Studie nicht gefragt. Absichtlich, vermute ich, denn ich hätte ihnen ihr Ergebnis kaputt gemacht.

Ich finde, es kommt weniger auf die Entfernung an als darauf, wer einem da eigentlich nahe kommt. 

In Australien habe ich vor einiger Zeit eine junge Israelin kennengelernt. Wir haben nebeneinander auf den langen, hölzernen Biergartenbänken auf der Terrasse vor der Hostelbar gesessen. Sie war mit ihrer Freundin dort, ich hatte gerade ein Gespräch mit dem Spanier gegenüber begonnen, als es zu regnen anfing.

Es war kein schlimmer Regen, eher einer der Sorte lauer Sommerschauer. Dennoch begann das Hostelpersonal eilig, fast hektisch die neben den Tischen platzierten Schirme aufzuspannen. Während die Regentropfen von dem imprägnierten Polyesterdach abperlten, rückte das darunter befindliche Backpackerpublikum enger zusammen. Da eigentlich als Sonnenschutz gedacht, vermochten die Schirme nämlich nur jeweils rund zwei Drittel der Tische und Bänke vor dem feuchten Nass zu schützen. 

Während das auf Englisch geführte Gespräch mit dem Spanier eher schleppend, dem Regen also nicht unähnlich, und überhaupt recht langweilig vor sich hin plätscherte, entwickelte sich, wohl auch der plötzlichen, regenbedingten Nähe geschuldet, schnell eine um so lebhaftere Unterhaltung mit der Israelin links neben mir. Nicht auf Englisch, sondern in Körpersprache.

Vermeintlich versehentliche Berührungen, immer wieder leicht aneinander gepresste Oberschenkel, kurze Blicke – so etwas halt. Wir kannten uns (noch) nicht, verstanden uns aber blendend. Übrigens auch, als wir uns eine gute Stunde später tatsächlich zu unterhalten anfingen.

Das Ganze ist nun über dreieinhalb Jahre her. Trotzdem denke ich immer noch mit Wehmut an diesen Abend in Australien zurück. Selten war Nähe unkomplizierter und selbstverständlicher als damals, ohne großes Nachdenken und auf dieser Holzbank in der Hostelkneipe. Schade, dass es nicht öfter so einfach ist.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Verkomplizieren!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Diese 45 cm gelten ja nur im Mittelwert, nur für europäische Völker und auch nur, wenn nicht eine oder, wie in dem Fall vor über dreieinhalb Jahren, beide Seiten Interesse an dieser zufälligen Berührung hätten…
    Die Gegenprobe dazu ist einfach: Stell Dich mit völlig unbekannten Personen in einen Aufzug knapp an seiner Belastungsgrenze (soll heißen: Sardinenfahrt). Es dürfte ziemlich schwerfallen, irgendeinem der Mitaufzugfahrer länger als ein paar Millisekunden in die Augen zu schauen. Die fehlende Distanz auf körperlicher Ebene wird hier mit fehlendem Blickkontakt kompensiert. Oder aber Du hast schon wieder Glück, Dein Gegenüber ist an Dir interessiert und Du darfst Dich länger in der Seele Deines Gegenübers versenken.
    Lustig wird’s, wenn Abendländer auf Japaner treffen. Dort beträgt die mittlere Distanz nämlich lediglich um die 30cm. Für den Europäer wird es also schon kuschelig, für die Japanerin ist es noch eine normale Unterhaltungsdistanz – ergo: die Klatsche ist vorprogrammiert…

    Und ein letztes noch: Statistik, auf die sich Soziologen oder Psychologen oder Sonstwer-Logen meist beziehen, kennen immer auch den Sonderfall der “Ausreißer”, die außerhalb des üblichen liegen. Zum besseren Verständnis der Statistik werden diese aus weiteren Berechnungen ausgeschlossen, in der Realität machen sie das Leben interessant…

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