Fremde Federn Gedankenwelten Tresenweisheiten

Durcheinander-Routine

2015-06-Wecker

Früher war mehr Durcheinander. Vielleicht liegt es am Alter, aber manchmal kommt mir mein Leben jetzt, mit Mitte 30, ganz furchtbar geordnet vor – wobei die Betonung auf „furchtbar“ liegt.

Montagabends habe ich Spanisch, dienstags gehe ich zum Sport. Unter der Woche klingelt mein Wecker immer um 7:30 Uhr – wobei ich immer schon früher wach bin. Mein erster Gang nach dem Aufstehen führt mich zur Kaffeemaschine, der zweite ins Bad. Jeden Morgen. Manchmal fühlt es sich an, als wäre mein Leben ein gut sortierter Setzkasten. Das Unheimliche daran: ich habe mich darin ganz gut eingerichtet.

Der Mensch ist darauf ausgerichtet, nach Mustern zu suchen. Einfache Wenn-Dann-Regeln mögen wir am liebsten, wohingegen Chaos und Unvorhersehbarkeit uns Angst machen. Vermutlich erklärt das auch die Anfälligkeit des Menschen für Aberglaube und Religionen. Dass etwas einfach so ist, wie es ist, verunsichert uns. Also unterstellen wir einen tieferen Sinn oder wenigstens einen Kausalzusammenhang. Dass ein Unglück einfach passiert, gefällt uns nicht. Da muss doch wenigstens vorher eine schwarze Katze über die Straße gelaufen sein. Im Zweifel hat sich eben „Gott“ etwas dabei gedacht.

Muster und Routinen halten uns den Kopf frei, weil wir nicht ständig überlegen müssen, was wir als nächstes tun müssen. Sie sind sozusagen die Religionen des Alltags, die uns auf dem rechten Weg halten. Selbst im Urlaub entwickeln wir meist binnen weniger Tage Abläufe, die wir jeden Tag aufs Neue wiederholen können.

Ich wohne nun seit über fünf Jahren in der selben Stadt und in derselben Wohnung. Länger habe ich noch an keinem Ort verbracht, seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin. Nirgendwo habe ich seitdem mehr Routinen entwickelt als hier. Und so bequem diese Routinen sind, nirgendwo sind sie mir bisher mehr auf die Nerven gegangen als hier.

In seinem Buch „Abenteuer Fotografie“ empfiehlt der „Fotograf und „Stilpirat“ Steffen Böttcher Hochzeitsfotografen, zum Aufwärmen einige ungewöhnliche, unkonventionelle  Aufnahmen mit dem Brautpaar zu machen. Ein Hochzeitsfoto ohne Köpfe, zum Beispiel – irgendetwas, das weit über das Standard-Repertoire hinausgeht. Das soll den Fotografen unterbewusst dazu bringen, seine Komfortzone zu verlassen und so gänzlich neue Ideen zu entwickeln, statt immer nur das gewohnte Programm abzuspielen. Ob das immer im Sinne des Hochzeitspaares ist, sei dahingestellt. Die Idee finde ich trotzdem gut.

Vielleicht sollte ich das auf meinen Alltag übertragen. Einfach mal den Wecker auf 7:25 Uhr stellen. Oder mir eine neue Religion zulegen. Oder hin und wieder einfach mal irgendetwas anderes ganz anders machen.

In diesem Sinne …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Kommentar verfassen