Berliner Leben Tresenweisheiten

Duftnote

Der Mensch mag es, ein Dach über dem Kopf zu haben. Das gilt offenbar auch in Berlin. Seit ich vorgestern meine Anzeige, “Nachmieter gesucht”, online gestellt habe, füllt sich mein Postfach jedenfalls im Minutentakt.

Viele der Mails sind, um es einmal vorsichtig zu formulieren, interessant. Einige der potentiellen Nachmieter schicken mir ganze Lebensgeschichten, andere begnügen sich mit deutlich weniger Worten (“Ich will Wohnung”). Oder sie lassen die Worte einfach ganz weg und senden mir nur kurz und knapp eine (ihre?) Telefonnummer.

Manche Schreiber haben meine Anzeige offenbar besonders genau gelesen. Einer möchte zum Beispiel mein WG-Zimmer und “nach Möglichkeit auch den Rest der Wohnung besichtigen” (macht bei der Kategorie “Ein-Zimmer-Wohnung” natürlich Sinn). Eine andere Interessentin schrieb, sie würde meine Wohnung gerne für drei Wochen im August mieten.

Naja, zu guter letzt gibt es natürlich noch jede Menge ganz normale Emails. Zugegeben, die sind mir eigentlich die liebsten. Trotzdem ist der Gedanke komisch, einem von diesen so einfach mein zu Hause zu überlassen (zumal er oder sie auch den Großteil meiner Möbel übernehmen soll, denn in Ravensburg bleibe ich nur ein halbes Jahr, der nächste Umzug steht also schon in sechs Monaten an).

Im Gegensatz zum Durchschnittsberliner habe ich meine gesamte Zeit in Berlin in dieser einen Wohnung verbracht. Fast drei Jahre lang hatte ich Zeit, mich hier heimisch zu fühlen und der Wohnung quasi meine Duftnote aufzudrücken (natürlich nur sinnbildlich). Zeit, mich an das hier und auch an die Wege hierher zu gewöhnen (ob von der Ringbahn, von der U2, usw., volltrunken, mit geschlossenen Augen, totmüde oder alles zusammen). Ja, mittlerweile erkenne (und grüße) ich meine Nachbarn sogar, wenn ich sie mal auf der Straße und nicht im Hausflur treffe!

Ich frage mich, was bleibt.
Berlin hat bei mir eindeutig Spuren hinterlassen – nur: was hinterlasse ich Berlin?

Nicht mal mehr zwei Wochen, dann bin ich weg. Doch mein Platz wird nicht leer bleiben. Nicht nur, dass jemand in meiner Wohnung mit meinen Möbeln wohnt. Auch sonst werden andere Menschen an meine Stelle treten. Meine Freunde, so sie denn in der Stadt bleiben, werden eben nicht mich, sondern irgendwen anderes anrufen, um den Samstag (oder den Montag, Dienstag, Mittwoch usw.) Abend zu planen. Der Platz in der Bahn, auf den ich mich vielleicht gesetzt hätte, wird eben von jemand anderem blockiert und die Laufbahn wird ohne mich sicher auch nicht verwaisen.

Das Leben, sehen wir dieser Tatsache einfach ins Gesicht, ist im ständigen Fluss. Trotzdem hoffe ich, hier die eine oder andere Duftnote zurück zu lassen – sinnbildlich natürlich.

In diesem Sinne, man riecht sich!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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