Gedankenwelten

Die betrunkene Stadt

Als ich heute nachmittag mit der U6 von Wedding nach Kreuzberg gefahren bin, saß ein paar Plätze vor mir ein älterer Mann. Über dem schütteren Haar trug er eine abgegriffene Baseball-Mütze, dazu eine alte, grüne Jacke, die wohl mal ein Parker gewesen war.

Während er, offensichtlich betrunken, vor sich hin murmelte, zog er aus der Plastiktüte auf seinen Knien eine Flasche billigen Wodkas. Erst starrte er auf das Etikett der Flasche, dann begann er, in den Taschen seines Anoraks zu wühlen. Schließlich zauberte er ein ganzes Sortiment kleiner Schnapsflaschen hervor. Solche, wie man sie an Tankstellen und an der Kasse von Supermärkten bekommt und allesamt leer. Mit beeindruckender Ruhe drehte er erst den Schraubverschluss von der Wodka-Flasche ab, dann begann deren Inhalt Stück für Stück in die kleinen Fläschchen umzufüllen und diese anschließend wieder in seinen Taschen verschwinden zu lassen.

Ich bin ausgestiegen, bevor der Mann fertig war. Vom Bahnsteig aus konnte ich noch sehen, wie eine gerade zugestiegene Frau missbilligend den Kopf schüttelte und irgend etwas sagte. Ob sie mit dem Mann direkt sprach oder nur vor sich hin schimpfte war nicht zu erkennen. Wohl aber etwas anderes: in dem gut gefüllten Waggon saßen noch mindestens drei weitere Leute, die sich gerade mit Flaschen beschäftigten. Ein jüngerer Typ, höchstens 18, eine Kerl in einem Maleroverall und ein Kerl von Anfang 30 in Jeans, Jackett und Krawatte. Sie alle hielten eine Bierflasche in der Hand, aus der sie hin und wieder tranken.

Ich bin kein gebürtiger Berliner sondern wohne erst seit gut zwei Jahren hier. Etwas ist mir aber mit als erstes aufgefallen: Berlin trinkt!
Um jetzt keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ich finde das nicht schlimm. Im Gegenteil, ich empfinde es als seltsam, wenn in Städten wie Auckland, Neuseeland, an jeder Ecke ein Schild darauf hinweist, dass öffentlicher Alkoholkonsum verboten und mit Geldstrafe geahndet wird. Ja, gerade nach einem langen Arbeitstag kann es wunderbar entspannend sein, wenn man die S- oder U-Bahn-Fahrt mit einem kalten Bier verkürzt.

Trotzdem finde ich es manchmal komisch, wie selbstverständlich das manchmal scheint. Wenn man abends in der Bahn sitzt und um einen herum gleich ein gutes Dutzend Teenager ihr Becks-Gold süppeln und sich zugleich damit brüsten, keine Erinnerung an den 14. Geburtstag des besten Kumpels oder der besten Freundin zu haben. Oder wenn ich mich selbst dabei erwische, wie ich auf dem Weg zu einer Party wie selbstverständlich kurz beim Asiaten nebenan reinschaue, um mich mit einem Wegbier auszustaffieren.

Als ich in Düsseldorf studiert habe konnte ich aus der Straßenbahn auf dem Weg zur Uni immer die unzähligen “Trinkhallen” beobachten. Die hießen wirklich so und waren in der Regel nicht viel mehr als kleine Kioske, die sich einen Stehtisch geleistet hatten. Diese Buden haftete für mich immer etwas asoziales, heruntergekommenes an. In Berlin haben sie sich aus der Unterwelt befreit und sind allgegenwärtig: das Bier in der S-Bahn ist Routine bei jung und alt, reich und arm.

Liegt es an der Stadt? Ist es schlimm?
Ich weiß es nicht. Ich mag mein Fahrbier, zugleich frage ich mich, ob ich mir Gedanken darüber machen sollte.

In diesem Sinne, Prost!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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