Mitmenschen Reisewelten

Der Anstupser

Das Ding sah aus wie ein riesengroßes Wattestäbchen, und alle waren gekommen, um es zu sehen. Dabei war das Ding gar nicht Teil der Kunst. “Applaudiert man eigentlich, wenn er gut stupst”, wollte mein Freund P. von mir wissen. Wir  standen zusammen mit den übrigen Besuchern der Kunstsammlung NRW mehr oder weniger im Halbkreis um den Mann rum, der das Riesen-Wattestäbchen in der Hand hielt.

Ich gebe zu, all zu viel konnte ich mit den Skulpturen und Mobiles von Alexander Calder nicht anfangen. Das heißt allerdings nicht, dass mir die Ausstellung nicht gefallen hätte. Was sich mir nicht erschlossen hat, war der tiefere Sinn der Kunst, der ihr in den begleitenden Texten und Filmen nachgesagt wurde. Die meisten der Kunstwerke erinnerten mich eher an Kinderspielsachen und diese Dinger, die man Babies über die Wiege hängt, damit sie sich nicht langweilen. (Tatsächlich hat Calder wohl am Anfang seiner Karriere wohl mal so etwas wie einen Zirkus gebastelt, war aber natürlich auch damals schon Kunst und nicht Spielzeug).

Wie hier die gesamte Besucherschaft der Ausstellung mit todernsten Mienen um eines dieser Mobiles rumstand und einen kleinen, gedrungenen Mann anstarrte, der ein Riesen-Wattestäbchen hochhielt – das hatte was.

Während P. und ich noch sinnierten, ob man wohl klatschen sollte oder vielleicht sogar musste, tat der Mann, wofür er und das Wattestäbchen gekommen waren: er stupste. Mit einer schnellen Bewegung drückte er gegen eine Art Pendel, dass sich daraufhin in Bewegung setzte. An dem Pendel war ein weiteres Pendel angebracht, dass sich nun ebenfalls bewegte und das größere Pendel dadurch immer wieder aus seiner Kreisbahn herausriss und dem Ganzen so einen leicht chaotischen Anstrich gab.

Aufgehängt war das Doppelpendel inmitten von diversen Alltagsgegenständen: einer Holzkiste, unterschiedlichen Flaschen, … – sogar ein bronzener Gong war dabei. Der war wohl der Hauptgewinn. Denn während bei fast allen Gegenständen, die das Pendel auf seiner wirren Bahn berührte, weiter bedeutungsschwere Stille herrschte, atmete das Publikum hörbar auf, als das Pendel endlich den Gong berührte und zum Klingen brachte. Ich meine sogar, dass ich vereinzelt “Oh”- und “Ah”-Rufe gehört habe, da bin ich mir allerdings nicht sicher.

Für mich war das doppelte Pendel in jedem Fall das Highlight der Ausstellung. Nicht, wegen seiner künstlerischen Bedeutung – die habe ich, wie eingangs gesagt – bis heute nur bedingt begriffen. Vielmehr wegen der herrlich surrealen Situation, wenn 50 Ausstellungsbesucher tief beeindruckt einen kleinen Mann mit einem riesigen Wattestäbchen anstarren.

In diesem Sinne, Kunstfragen gerne an mich!

PS: Ich hätte die Szenerie gerne fotografiert. War aber leider verboten. Ich glaube, ich weiß auch warum.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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