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Das soziale Maßband

„Beziehungen sind alles“ titelte Die Presse heute vor zwei Monaten, „auch im Web 2.0“. Allerdings würden diese längst nicht mehr mit Hilfe des guten alten Adressbuchs gepflegt, sondern über virtuelle Plattformen wie StudiVZ, MySpace und Facebook.

Tatsächlich haben diese Online-Netzwerke zumindest in meinem Bekanntenkreis nicht nur das Adressbuch, sondern sogar die gute alte Email abgelöst. Viele Leute schreiben mir mittlerweile lieber über das StudiVZ statt eben eine Email zu schicken. Das ist vor allem dann ärgerlich, wenn bei dem vermeintlichen Studentennetzwerk mal wieder der Server gewartet wird. Ich werde dann zwar benachrichtigt, dass Post auf mich wartet, kann mich aber nicht einloggen, um diese auch zu lesen.

Ein besonderes Feature hat sich das StudiVZ-Vorbild Facebook ausgedacht: Außer den üblichen Angaben zu Hobbies, Lieblingsbüchern und bevorzugten Biersorten kann man das eigene Profil durch sogenannte Applications ergänzen. Mit Hilfe dieser Hilfsprogramme ist fast alles möglich: man kann sich ein virtuelles Haustier zulegen, andere Leute mit virtuellen Geschenken überhäufen oder für sich selbst einen (passenden?) Stripper-Namen generieren lassen. Da prinzipiell jeder Nutzer selber solche Ergänzungen selber programmieren kann, scheint die Auswahl grenzenlos.

Besonders beliebt sind allerdings die eher banalen Applikationen, nämlich all jene, die zum Vergleich mit anderen oder zumindest augenzwinkernd zu einer Fremdeinschätzung auffordern: Who would you rather date, who is more entertaining, who has not seen a shower for the longest time – die Liste ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen. Im Endeffekt geht es jedoch immer um die selbe Frage: wer und vor allem wie gut bin ich (in den Augen der Anderen)?

Ich will mich da nicht ausnehmen, trotzdem finde ich es immer wieder faszinierend, welche Bedeutung wir diesem oder anderen Vergleichen beimessen. Ob das evolutionsbedingt ist? Nur die Stärksten überleben („Angepasstesten“ im Original, übrigens), daher riskieren wir immer mal wieder den Blick nach rechts und links, um sicher zu sein, dass wir auch ja dazu gehören?

Fest steht, wir lieben es, das soziale Maßband ausrollen um zu sehen, wo wir stehen. Insbesondere natürlich dann, wenn das Ganze unter dem Deckmantel des Unverbindlichen und Unernsten stattfindet. Jedes schlechte Ergebnis kann so als reine Spielerei abgetan, jeder Erfolg still und leise trotzdem gefeiert werden. Menschen sind eben doch eine komische Spezies.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Vermessen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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