Berliner Leben Mitmenschen Tresenweisheiten

Auffallend

Wenn man einen Stapel Spielkarten schnell Karte für Karte von der einen in die andere Hand fliegen lässt, beeindruckt das nicht nur die Augen der Zuschauer. Sie hören es auch. Der stetige Kampf der Karten gegen den eigenen Luftwiderstand und das aufeinander prallen von Pappe auf Pappe erzeugen Geräusche, die an ein Casino oder an eine Pokerrunde denken lassen, nicht aber ans U-Bahn-Fahren in Berlin. Normalerweise jedenfalls.

Irgendwann am frühen Abend in der U2 zwischen Potsdamer Platz und Stadtmitte. Ein junger Mann steigt ein und lässt sich laut seufzend auf den Platz neben mir fallen. Dann beginnt er eben jenes Spiel mit den Karten. Von links nach rechts und zurück, unterbrochen nur vom Ruckeln des Zuges beim Anfahren nach den Haltestellen.

Wenige Haltestelle nach dem Kartenspieler steigt ein weiterer Mann ein. Er ist ziemlich groß, ziemlich dünn, und er trägt eine übergroße Wollmütze in den Farben der jamaikanischen Flagge. Am Mützenrand luken Rastazöpfe ins Freie, die offenbar schon länger kein Wasser mehr gesehen haben. Kleine Dreckstückchen haben sich in den verfilzte Haaren gesammelt und schwingen beim Gehen hin und her.

Mit ausladenden Schritten steuert er auf den freien Platz gegenüber dem Kartenspieler zu. Dabei singt er. Nicht leise, sondern ziemlich laut und zudem ausgesprochen schief. Der Kartenspieler unterbricht sein Spiel und guckt den singenden Rasta-Typ irritiert an, fängt sich aber schnell wieder. Konzentriert lässt er die Karten weiter von links nach rechts und von rechts nach links fliegen. Die anderen Fahrgäste starre angestrengt ins Leere. Der Rasta-Typ gibt zunächst Adam Green und dann auch noch Nirvana zum Besten, bevor er schließlich und immer noch singend am Alexanderplatz wieder aussteigt.

Ich staune. Immer wieder fallen mir Menschen auf, die laut Pfeifend, Singend oder eben Karten spielend durch die Welt wandeln und denen es anscheinend herzlich egal ist, wie das auf andere wirkt. Wieso ist das so? Stört es diese Menschen nicht, dass sie mich stören? Ist es Ihnen egal? Oder sind sie vielleicht sogar stolz darauf, wie vermeintlich unabhängig und selbstbewusst sie sind?

Neil Strauss, Aufreißerkönig und Buchautor propagiert in “The Game“, der Bibel für Pick-Up-Artists, unter anderem die Pfauen-Theorie: Männer auf Anmachtour sollten demnach auffallenden Schmuck, ein besonders grelles T-Shirt o.ä. tragen oder sich sonstwie exponieren. Als Äquivalent zum federnen Pfauenrad diene das dann als conversation piece, also als Anknüpfungspunkt für ein erstes Gespräch.

Nach Bücherwürmern sahen meine Mitfahrer beide nicht aus. Aber der erste Eindruck kann ja täuschen. Außerdem gibt es das Buch mittlerweile sogar als Reality-Show im Fernsehen (“Style Academy“). Lesen zu können ist also nicht mehr zwingend Bedingung, um bei The Game mitzuspielen.

Bin ich da also möglicherweise mitten in ein Aufreißer-Seminar geraten? Finde ich mich demnächst als Hintergrund wieder, irgendwo in irgendeiner MTV-Show irgendwo im Kabelfernsehen? Ich weiß es nicht. Für eine kurze Info wäre ich allerdings dankbar.

In diesem Sinne, immer die Augen offen halten – und vielleicht bis bald im TV!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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