Gedankenwelten

Auch richtig

Abulie ist eine dieser Krankheiten, die kaum jemand kennt. Name und Symptome sind noch nicht zur breiten Masse durchgedrungen, obwohl das Krankheitsbild eigentlich geradezu danach schreit, in irgendeiner Vorabendserie verbraten zu werden.

Abulie meint (vereinfacht gesagt) die Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen. So beschreibt es jedenfalls das medizinische Online-Lexikon die Symptome und nebenbei auch Benjamin Kunkel. Der hat nämlich ein Buch daraus gemacht, indem er ein vermeintliches Heilmittel in die Welt gesetzt hat. Noch im experimentellen Stadium wird Dwight, der Held seines Debut-Romans „Indescision“ (Unentschlossen), von seinem Freund überredet, eben dies zu testen und wird somit plötzlich zum Entscheider par excellence.

Im wirklichen Leben ist es in der Regel nicht so einfach. Wohl praktisch alle Menschen, selbst wenn sie nicht unter Abulie leiden, tun sich regelmäßig schwer, zwischen A oder B (und womöglich auch noch C) zu wählen. Klassisches Beispiel die Essensbestellung im Restaurant: Fisch oder Steak? Mit Bratkartoffeln oder doch lieber Kroketten?

Weniger klassisch aber dafür wohl um so einschneidender ist dagegen die Entscheidung für den einen oder anderen Lebensweg. Eine solche Wahl manifestiert sich normalerweise in einer ganzen Reihe von Teilentscheidungen, angefangen von der Wahl des richtigen Jobs, der richtigen Partnerin bis hin zur Auswahl des passenden Lebensmodells (Kombi oder Sportwagen, Kinder oder doch lieber nicht; Heirat – ja/nein/vielleicht, usw.).

Hinzu kommt, dass fast alle dieser Entscheidungen in der kurzen Zeitspanne zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr von einem verlangt werden. Anstatt dass sie sich nutzerfreundlich auf die gesamte Lebensspanne verteilen, wird man genötigt, gleich einen ganzen Batzen von wichtigen Entscheidungen auf einmal oder wenigstens innerhalb eines recht kurzen Zeitraumes zu treffen.

Der Otto-Normal-Mensch kann da ganz schön ins Schwitzen geraten, was einerseits verständlich, andererseits totaler Blödsinn ist.

Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass es viel leichter ist, mit einer einmal getroffenen Entscheidung zu leben, als wenn man sich möglichst lange so viele Optionen wie möglich offen hält. Ist der Weg einmal gewählt, kann man sich mit seiner ganzen Kraft darauf konzentrieren. Das ist allemal angenehmer, als sich ewig in der Vielleicht-Zwischenwelt zu verlieren.

Der Stress der Entscheidungsfindung liegt vor allem in der Möglichkeit, eine falsche Entscheidung zu treffen. Doch wer sagt, dass es die überhaupt gibt? Oder, andersrum gedacht, dass es nicht mehrere „richtige“ Wege gibt? Das Leben funktioniert nicht nach den Spielregeln eines Multiple-Choice-Tests. Es ist nicht so, dass nur ein Kreuz richtig ist, fast immer gibt es mehrere richtige Wege. Medikamente sind für diese Erkenntnis nicht wirklich nötig.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Ankreuzen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

3 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Lieber Felix,
    zur Zeit leide ich an diesem Krankheitsbild. Deine Pfeile könnten auch alle in die Richtung „falsch“ zeigen – heute fühle ich mich so. Ganz nach dem Motto „Gehen Sie nicht über los, ziehen sich nicht 4000 Euro ein“. Verdammt! Das Gute ist nur, irgendwann ist man doch gezwungen, sich zu entscheiden und ich werde sehen, dass es trotz aller Schwierigkeiten eine Entscheidung sein wird, mit der ich gut leben kann, die mir vielleicht sogar richtig gut gefällt.
    Viele Grüße aus Ankara, es geht bergauf!
    Lydia

  2. Ja, Entscheidungen. Ich steh dem Satz: „Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass es viel leichter ist, mit einer einmal getroffenen Entscheidung zu leben, als wenn man sich möglichst lange so viele Optionen wie möglich offen hält.“ eher kritisch gegenüber. Was du da ansprichst, ist ja exakt das Problem der Meisten. Sie entscheiden sich ja nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie es schlicht nicht können.
    Ich kann auch keine große Entscheidung treffen, ohne alles durchzuanalysieren und auch später immer wieder in Frage zustellen. Aber ich halte das meistens für positiv, um auf dem Weg zu bleiben.

    Das Problem ist – wie bei Lebensentscheidungen – wenn man es nicht analysieren kann, oder kaum. Eigentlich ist man ja gezwungen,die schöne Vernunft aufzugeben, die Kontrolle über sein Leben gleich dazu (oder die Illusion davon) und einfach zu springen. Und das fällt mir wirklich schwer. Schlimm wird es, wenn man so etwas schon bei kleinen Dingen empfindet. Das ist dann aber ein anderes Thema.

    Es ist auch kein Trost, dass man dann seiner Entscheidung treu sein sollte, die man im Grunde, doch immer wieder anzweifelt. Im Grunde hat man ja gerade Angst davor, zu etwas zu stehen, sich festzulegen.

    Ich denke, das hat schon seinen Grund und sollte nicht einfach mit wilden Enthusiasmus übergangen werden. Ich schließe mich meiner Vorkommentatorin an: Irgendwann ist man gezwungen, sich zu entscheiden – und ich denke erst dann, wenn man sich schon eine Weile damit rumschlägt und dann der Situationsdruck kommt, ist die Entscheidung reif. Ich jedenfalls weiß erst dann sicher, was ich wirklich will – manchmal ist es vielleicht zu spät. Aber diese Sicherheit, es genau zu wissen, verlässt mich dann auch für lange Zeit nicht mehr.

  3. Man kann es sich auch unnötig verkomplizieren… Muss nur kurz mal Gegenposition beziehen:

    1. Der Mensch ist nicht geschaffen für langfristige Planungen. Kann er kognitiv gar nicht. Schönes Beispiel dafür sind Politiker oder die Finanzmanager, die die Finanzkrise konstruiert haben. Entscheidungen werden eher zwecks kurzfristiger Zielerreichung getroffen, DAS Lebensziel gibt es nicht. Jeder, der das behauptet, unterliegt einer retrospektiven Erinnerungsverzerrung.

    2. Langfristig planen ist noch nie besonders sinnvoll gewesen. Weder in der Vergangenheit (ganz weit früher gab es einfach zu viele nicht einplanbare Ereignisse wie Tiger u.ä), noch in der heutigen Zeit (ja, auch heute noch können sich von einem Tag zum nächsten die dollsten Sachen ändern. Nur die Tiger sehen anders aus…)

    3. Oder wie ein Kollege es mal beim Kajaken im Wildwasserpark ausdrückte: „Ich weiss gar nicht so genau, ob ich die erste Welle packe – hoppla, ich sitze ja schon im Boot!“

    Sicherheit gibt es nie 😉

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