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Alien-Biber-Würfel

2014-03-30-Wuerfelfreitag

Ich glaube, er hat uns für Außerirdische gehalten. Zumindest guckte er uns immer wieder so an. “Sowas”, sagte er mit Nachdruck und schüttelte dabei den Kopf, “sowas habe ich noch nicht erlebt.”

Wir befinden uns in einem Gasthaus in Ehingen, circa 30 Kilometer von Ulm entfernt. Die Gaststätte mit angeschlossenem Hotel blickt auf eine über 350-jährige Geschichte zurück. So steht es jedenfalls auf einer Steintafel über dem Eingang. Ob auch so lange schon an jedem Freitagabend um die Rechnung gewürfelt wird, weiß ich nicht. Aber auch das steht auf einer Tafel am Eingang.

Das Prinzip ist einfach: statt zu bezahlen, würfelt jeder Gast zunächst einmal um die Rechnung. Würfelt er eine sechs, gehen Essen und Trinken aufs Haus. Bei jeder anderen Zahl muss ganz normal bezahlt werden.

Als erstes bekomme ich den Würfelbecher in die Hand gedrückt. Das ist nur logisch, schließlich will ich eigentlich für I. und mich zusammen zahlen. Ich würfele eine Sechs. Die erste des Abends, wie der Kellner betont. Auch I. bekommt nun Würfel und Becher in die Hand gedrückt – und würfelt ebenfalls eine Sechs. “Sowas”, sagt der Kellner nun, “sowas habe ich noch nicht erlebt.”

Nun sind zwei Sechsen hintereinander rein rechnerisch gesehen zwar unwahrscheinlich, aber lange nicht unmöglich. Für den Kellner jedoch sind I. und ich seitdem so etwas wie magische Gäste. “Sowas”, sagt er auch am nächsten Tag und guckt uns wieder an, als wären wir nicht von diesem Planeten, “sowas habe ich noch nicht erlebt.”

Meine Theorie ist dagegen eine ganz andere: der Biber ist schuld! Er hat uns Glück gebracht – weil wir ihn nicht überfahren haben. Ein oder zwei Dörfer vor Ehingen hüpfte er direkt vor uns vom Bürgersteig auf die Straße. Hinter ihm ein Mann, der entweder mit dem Biber Gassi ging – oder einfach nur genau so überrascht war wie wir, dass mitten auf der Straße auf einmal ein Biber rumlief. Ich konnte gerade so bremsen. Das erste, was ich zu I. sagte, als der Biber weg war: “Sowas habe ich noch nicht erlebt.”

In diesem Sinne, immer schön die Augen offen halten!

PS: Das Prinzip mit dem erwürfelten Rabatt gibt es übrigens auch in Karlsruhe. Allerdings werden hier drei Würfel verwendet – und Glück hatte ich dabei noch nie.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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