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Agentenparty

Auf der Party haben wir uns kaum unterhalten. Danach dafür um so mehr. Sie habe mich erst kennenlernen wollen, hat sie später erklärt. Nicht persönlich, natürlich, das hätte sie schließlich auch auf der Party haben können, sondern via Facebook. Ich dagegen hätte nicht gedacht, dass es mal so weit kommt. Wirklich überrascht bin ich allerdings auch wieder nicht,

Trifft man jemand auf einer Party, bekommt man in der Regel nur eine Seite eines Menschen zu sehen. Den Rest muss man sich nach und nach erarbeiten. Vorlieben, Eigenheiten, der Freundeskreis und was es sonst so gibt. Das braucht natürlich Zeit. Kostbare Zeit, die man sich ob des wagen Anfangsverdachts, dass diese Person zu einem passen könnte, nehmen muss.

Anders ist es natürlich, wenn man sich gerade in einem Agentenfilm der 1980er- oder 90er-Jahre befindet. In den Filmen kann man sich eine Akte kommen lassen, die zwischen zwei einfachen Pappdeckeln alles Wissenswerte über eine Person enthält (meist steht vorne noch so etwas wie “Top Secret” drauf und auf die linke Innenseite ist mit einer Büroklammer ein Bild des oder der Betreffenden geheftet, meistens schief).

Ist man kein Filmagent kann man sich zumindest heutzutage auch einfach durch die gängigen sozialen Netzwerke klicken. Meist sind die Infos hier sogar noch besser als sie MI-6 und Co je hätten zusammengetragen können. Und was noch wichtiger ist: Das Bild ist viel umfassender als man es auf einer einzelnen Party hätte bekommen könnte. Fotoverlinkung, Pinnwand und Interessenliste sei Dank.

Gerade für Frauen scheint das eine tolle Sache zu sein. Mussten sie sich bei einer Feier oder (noch schwieriger) bei einer ersten Verabredung für ein Outfit entscheiden, können sie sich online gleich in zig Variationen präsentieren. Derartige digitalen Fotoalben haben meist zudem noch kreative Titel wie “Me, myself and I”. Lässig in Jeans, sexy im kurzen Schwarzen und chic im Abendkleid – irgendwas wird dem potenziellen Lover schon zusagen.

Gleichzeitig kann man sich den entsprechenden Typen hier in Ruhe und ohne nervige Störungen (“Alles in Ordnung bei Dir? Du schweigst mich nun schon seit einer halben Stunde an!”) angucken. So hatte es sich wohl auch besagte Frau von der Party gedacht. Zu dumm, denn offenbar war ich auf der Party besser gewesen als ich es bei Facebook bin. Ich habe jedenfalls schon seit geraumer Zeit nichts mehr von ihr gehört.

In diesem Sinne, vielleicht sollte ich mein Profil mal überarbeiten?

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Ah, das facebook-Thema…Ich bin ja inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass man aufhören sollte, (potentielle) love-interests zu googeln oder auf facebook zu “stalken”. Erstens kann der Eindruck auch dort immens täuschen, und zweitens und vor allem nimmt man sich doch das ganze Spiel/Spaß/Spannungs-Paket des gegenseitigen Kennenlernens irgendwie selber weg.
    Ich mache das jedenfalls nicht mehr. Ich mag jetzt wieder mal jemanden kennenlernen so wie früher, über Gespräche und Rantasten und ohne die ganzen Vorurteile und das “Nachbar” (heutzutage facebook-Freunde) Getratsch auf irgendwelchen “walls”.

  2. facebook is watching you!

    Hab gestern eine völlig neue Mutation entdeckt:
    Tatort im Ersten per Livestream geguckt.
    Neben dem Fenster, in dem der Film lief (hatte nicht auf Vollbild gestellt) ratterten während der ganzen Vorstellung PAUSENLOS superschlaue Kommentare zu jeder Filmsekunde von irgendwelchen Facebook-Mitgliedern aus der Gruppe “Tatort”.

    Sind wir bzw. die eigentlich noch zu retten?

    Warum glauben Menschen eigentlich, 75mal am Tag via Facebook die Welt wissen lassen zu müssen, was sie grad denken, essen oder was gerade NICHT passiert?

    Ich genieße es, auch als Facebook-Mitglied, mich nicht mitteilen zu müssen. Es gibt einfach auch viele Momente, da darf die Welt nicht teilhaben an mir.

    in diesem Sinne – Felix, du kriegst heute noch die versprochene Mail!
    :-)

  3. Nach längerem nachdenken macht Satz 2 noch immer keinen Sinn. Mach doch aus dem “ich” ein “mich”. Gemeiner Fehler, weil das die Rechtschreibprüfung nicht findet….

    Zitat:
    Sie habe ich erst kennenlernen wollen […]

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