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Zeltgeschichten (nass)

2015-05-17-Zelt

In meiner Erinnerung war das Gras immer nass. Das entspricht vermutlich nicht der Realität, passt aber ganz gut, denn einer der großen Unterschiede zwischen Urlaub im Hotel und Urlaub im Zelt ist, dass der Weg auf die Toilette über eine Wiese führt. Früh morgens ist die im Sommer tatsächlich oft feucht. Der Grund: Luftfeuchtigkeit, die an den Grashalmen kondensiert, wenn diese über Nacht abkühlen.

Ich habe alle Sommerurlaube meiner Kindheit und Jugend auf Campingplätzen verbracht. Meine Eltern haben im Wohnwagen geschlafen, meine Schwester und ich im Zelt. Ein Riesenvorteil dieser Art, Ferien zu machen: im Schnitt waren wir mehr als eineinhalb mal länger weg als der durchschnittliche Sommerurlaub im Hotel dauert. Als Kinder konnten wir uns auf den oft weitläufigen Campingplätzen frei bewegen, während meine Eltern Stunden damit verbrachten, in Klappstühlen vor dem Wohnwagen zu sitzen und zu lesen. Vermutlich haben sie so maßgeblich dafür gesorgt, dass ich mir bis heute einen Urlaub ohne Buch schlicht nicht vorstellen kann.

Eine besondere Herausforderung stellte Regen dar. Lange schien die deutsche Zeltindustrie nicht in der Lage, Zelte herzustellen, die über längere Zeit wasserdicht waren. Oder meine Eltern schafften es nicht, entsprechende Modelle zu kaufen, das weiß ich nicht. Dies änderte sich erst, als die sogenannten Iglu-Zelte die dreieckigen Hundehütten ablösten, in denen meine Schwester und ich schliefen. Wichtig war hier nur: Innenzelt und Außenhaut durften sich keinesfalls berühren. All zu sehr im Schlaf herumwälzen durfte man sich also nicht.

Erneut mit dem Zelt auf große Tour ging es mit Anfang 20. Zusammen mit einem Freund und dessen Nissan Micra ging es in einem Jahr nach Frankreich und Spanien, in einem anderen Jahr mit Zwischenstopps in Italien bis runter nach Kroatien. Um alles inklusive des luxuriösen Hauszeltes (getrennte Schlafkabinen!) in dem kleinen Auto unterzubringen, bauten wir sogar die Rückbank zur Hälfte aus. Es gab danach genau eine Art, das Auto zu beladen, so dass alles hineinpasste.

Ich erinnere mich noch gut an einen Stopp in der italienischen Stadt Chioggia in der Nähe von Venedig. Wir hatten uns noch gewundert, dass der italienische Platzwart gar nicht wissen wollte, wie lange wir bleiben wollen. Die Erklärung gab es am nächsten Morgen, als mein Freund B. beim Weg zum Zähneputzen feststellte: alle bauen ab – nur wir nicht. Des Rätsels Lösung: der Campingplatz hatte nur noch eine Nacht geöffnet gehabt.

Dass wir erst im September losgefahren waren, merkten wir auch auf der Rückfahrt. Auf einem Campingplatz in Bad Tölz waren wir die einzigen Gäste mit Zelt. Gleich mehrmals hatte der freundliche Mann an der Rezeption nachgefragt, ob wir wirklich mit einem Zelt und nicht mit einem (beheizbaren) Wohnwagen unterwegs seien. Nachdem wir das Zelt bei strömenden Regen aufgebaut hatten, kochten wir uns auf einem mit einem Regenschirm abgeschirmten Campingkocher Spaghetti, die wir anschließend im Auto sitzend aßen. Danach sind wir ins Schwimmbad gefahren. Noch heute muss ich lachen, wenn ich mir die Fotos anschaue.

In diesem Sinne, schönen Pfingsturlaub – zumindest für die, die welchen machen!

PS: Fairerweise hier der Link zur (Werbe-)Postkarte, die ich zur Bebilderung genutzt habe: www.ulmerzelt.de

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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