Webwelten

Onlinewurst

Wir sind durchschaut. Das Internet weiß alles über uns. Amazon, Google, Facebook und Co – sie alle tun nichts anderes, als Daten über uns zu sammeln, zu verknüpfen und geheime Kauf-Persönlichkeitsprofile von uns zu erstellen. Theoretisch. Ganz praktisch frage ich mich allerdings, wieso das Internet nun schon seit Wochen versucht, mir jeden Tag aufs Neue genau die Schuhe zu verkaufen, die ich schon vor Wochen in einem Online-Shop bestellt habe?

Ich bin ein skeptischer Mensch. Die Panik, die manche Leute schüren, wenn sie auch nur das WW von WWW hören, verstehe ich allerdings nicht. Dass ein Geschäft versucht, kundenorientiert zu arbeiten, halte ich für selbstverständlich. Dazu gehört auch, dass es versucht, die Auslage im Schaufenster für potenzielle Kunden möglichst attraktiv zu bestücken.

Merkt der Inhaber eines Ladens also, dass ich bei ihm gerne die DVDs zu einer bestimmten Serie kaufe, und platziert daraufhin die jüngste Neuerscheinung besonders prominent im Schaufenster, fühle ich mich geehrt. Und ich freue mich, denn das ist doch besser, als wenn dort nur irgendein Mist um meine Gunst werben würde. So sehe ich sofort: Ein Besuch in diesem Laden lohnt sich heute für mich!

Das ist die eine Seite. Die andere Seite habe ich vor einigen Monaten in einem Blog oder einem Nachrichten-Portal gelesen. (Wo weiß ich leider nicht mehr, sonst würde ich es hier verlinken – ich fand es nämlich sehr lesenswert). Auf jener Website wurde personifizierte Online-Werbung sehr schön mit dem Besuch beim Metzger verglichen. Nachdem man beim Metzger eine Wurst gekauft hat, beginnt diese nämlich, einen zu verfolgen. Nicht nur bei dem Metzger wird einem nun ständig diese spezielle Wurst angeboten. Auch im Spielwarenladen, beim Bücherkauf und im Pornokino wimmelt es nur so vor Wurst-Angeboten.

Das Wurst-Bild umschreibt mein Problem vielleicht ganz gut. Mich stört nicht, wenn ich mit Werbung konfrontiert werde, die zu meinen Interessen passt – im Gegenteil. Ob ich die Wurst kaufe, entscheide ich immer noch selbst. Nervig wird es, wenn ich die Wurst längst im Kühlschrank habe, sie aber trotzdem immer wieder in meinen Einkaufskorb drängt. Das gilt auch und im Augenblick besonders, wenn die Wurst ein paar Schuhe ist.

In diesem Sinne, danke – aber: nein, danke!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.