Mitmenschen Nachbarn

Unter Dieben

Ich wohne gefährlich. Überall Räuber und Diebe, vielleicht auch schlimmeres. Sagen jedenfalls meine Nachbarn. Vor allem übereinander.

Es fing damit an, dass „Die Zeit“ immer wieder verschwand. Die Wochenzeitung kommt normalerweise donnerstags und wird zusammen mit der Tageszeitung geliefert. Weil die Briefkästen bei mir im Haus nicht so groß sind, legt der Zeitungsbote beides einfach in den Flur. Außer mir liest niemand im Haus – immerhin zehn Parteien – eine Tageszeitung. Klauen tut auch keiner eine. Wohl aber die Wochenzeitung, warum auch immer.

Weil aber eben immer nur die Wochenzeitung verschwand, aber niemals die Tageszeitung, hatte ich zunächst den Verlag im Verdacht. Vergaßen die mich vielleicht einfach hin und wieder? Nein, keinesfalls, versicherte man mir. Und dass man künftig einfach auf postalische Zustellung setzen würde. So stände mein Name auf der Zeitung.

Das stimmte. Zumindest bei den Malen, wo „Die Zeit“ auch tatsächlich bei mir ankam. Regelmäßig verschwand sie nämlich weiterhin. Manchmal tauchte sie dann ein paar Tage später in der Altpapiertonne wieder auf. Manchmal blieb sie auch einfach verschollen (kann auch sein, dass ich einfach nicht im richtigen Moment mein Altpapier rausgebracht habe).

Mich machte das wütend. Unnötige Konflikte mag ich eigentlich nicht. Nach bestimmt zehn geklauten „Zeit“ war dieser Konflikt aber nicht nur nötig, er war überfällig. Ich bin mir sogar ein wenig wie Martin Luther vorgekommen, als ich meinen mit viel Mühe formulierten Thesen von innen an die Haustür geklebt habe. Dass mir gute Nachbarschaft wichtig sei, ich das aber nicht mehr länger hinnehmen würde. Auch etwas von „selbst auf die Lauer legen“ und „am Ende eben Anzeige erstatten“ stand darauf.

Ich klebte – und wartete. Vielleicht nicht auf die Spaltung der Kirche, wohl aber auf entrüstete Nachbarn, die sich zu Unrecht bezichtigt fühlten. Auf einen Hausverwalter, der mir erzählt, dass ich doch nicht einfach wahllos Verdächtigungen aussprechen könne. Ja, ich weiß, dass das verrückt ist. Aber manchmal mache ich mir eben solche Gedanken.

Nichts davon passierte. Statt dessen sprachen mich hintereinander gleich drei meiner Nachbarn an. „Gut gemacht“, sagte einer und hätte mir wohl anerkennend auf die Schulter geklopft, wenn er die Worte nicht quer über vier parkende Autos weg gebrüllt hätte. „Ich kann mir schon denken, wer ihre Zeitung geklaut hat. Ich habe den schon lange im Verdacht.“ Ein anderer Nachbar, ich glaube, es war der, von dem Nachbar Nummer eins gesprochen hatte, lobte mich ebenfalls: „Mir ist auch schon mal eine Zeitung geklaut worden“, betonte er mit wichtiger Miene, „hinterher hab ich sie im Papiermüll gefunden.“ Nachbar Nummer drei dagegen sagte einfach: „Wurde auch Zeit, dass das mal einer ausspricht hier. Mir ist auch schon mal Post geklaut worden.“

Ich weiß nicht, ob einer von ihnen Recht hatte. Eines weiß ich aber sicher: Seit meinem Zettel ist meine „Zeit“ nie wieder verschwunden. Oft liegt sie nun sogar ordentlich im rechten Winkel zur Fußmatte ausgerichtet vor meiner Wohnungstür. Manchmal habe ich deswegen sogar fast ein schlechtes Gewissen. Aber nur fast.

In diesem Sinne, Nachbarn sind auch nur Menschen … manchmal.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Ich verdächtige Nachbar Nummer 2 mit dem Ofenrohr in der Bibliothek.

    Schließlich hat er erzählt, dass ihm die Zeitung geklaut wurde und sie dann im Mülleimer war. Außer Dir liest aber Niemand Zeitung – was sich durch aktuelle Auflagenzahlen der ortsansässigen Zeitung sicherlich sofort beweisen lässt. Es ist Zeit all Deine Nachbarn in der Bibliothek zu versammeln und den Täter zu überführen.

  2. Und dann ziehen wir ihm die Maske ab und stellen fest, dass er in Wirklichkeit der freundliche Herr Meier von der alten Geisterbahn ist? Gefällt mir … Wobei ich fairerweise sagen muss, dass Nachbar Nummer 2 auch eine Weile die Zeit bekommen hat. Einzig eine Tageszeitung liest wirklich niemand außer mir.

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