Bulgarien Reisewelten

Strange Sofia

2013-09-01-Sofia-Bulgarien

Schöne Frauen, hässliche Männer. Genau wie die Stadt. “Das ist sexistisch”, befand I., während ich die beiden Sätze in mein Notizbuch schrieb. Ganz falsch sei es allerdings nicht.

Es ist nicht leicht, die bulgarische Hauptstadt Sofia in wenigen Worten zu beschreiben. Die in meinen Augen treffendste Charakterisierung steht an der Fassade eines Hauses in einer Straße, die nach dem bulgarischen Geistlichen Neofit Rilski benannt ist und im rechten Winkel von der langgezogenen Fußgängerzone abzweigt: “Strange kind of woman Sofia”, steht hier in einfachen Buchstaben auf einem gut eineinhalb Meter langem Graffiti.

Sofia ist nicht schön, jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Die Peripherie der Stadt ist gesäumt von hässlichen Plattenbauten, die wie die Zähne eines sehr lückenhaften Gebisses in den Himmel ragen. Viele sind so verfallen, dass man sich unwillkürlich fragt, ob hier überhaupt noch jemand lebt. Man muss genauer hinschauen, um die vielen Satellitenschüsseln zu sehen, die an fast jedem Balkon montiert sind.

Kommt man weiter in die Stadt hinein, werden die Plattenbauten von Wohnhäusern abgelöst, die in vielen Stadtteilen nicht weniger verfallen sind als die Plattenbauten am Stadtrand. Schlaglöcher säumen die Straßen, ein großer Teil des öffentlichen Nahverkehrs wird offenbar von Bussen bestritten, die in Deutschland vor Jahren ausgemustert wurden – gut zu erkennen an den immer noch vorhandenen deutschen Hinweisschildern “Nicht mit dem Fahrer sprechen” und “Notausgang – bei Gefahr Scheibe einschlagen”.

Nicht ganz einfach ist die Fortbewegung zu Fuß, weil viele Bürgersteige Wellenbädern gleichen: das Pflaster hebt und senkt sich beim Drüberlaufen und auch der Boden darunter ist alles andere als eben. Ungeflickte Schlaglöcher sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Um so erstaunlicher sind die bulgarischen Frauen. Durchweg perfekt geschminkt und herausgeputzt stöckeln sie mit müheloser Eleganz auf Zehn-Zentimeter-Absätzen über das unruhige Pflaster. Anders als die meisten Männer legen sie offenbar großen Wert auf ihr Äußeres, sind durchweg chic bis sexy angezogen und spiegeln damit wieder, was man bei genauerem Hinsehen auch in den Häuserzeilen beobachten kann: Zwischen bröckelnden Fassaden und lieblos instand gehaltenen Gebäude finden sich hier immer wieder edle Boutiquen und edel gestaltete Geschäfte. Selbst zwischen den Plattenbauten am Stadtrand wachsen überall verspiegelte Bürotürme heran und lassen ahnen, dass längst nicht alles so verfallen ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

“Strange kind of woman Sofia”, trifft es daher in meinen Augen schon ganz gut. Ebenso die eingangs bemühte Analogie zu ihren männlichen und weiblichen Bewohnern. Während die einen offenbar keinerlei Wert auf ein ansprechendes Äußeres legen, konzentrieren sich die anderen um so mehr auf diesen Faktor. Beides zusammen ist am Anfang schon ziemlich verwirrend. Aber nicht uninteressant.

In diesem Sinne, Добър ден und Довиждане Sofia!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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