Beziehungsweise Frauen Tresenweisheiten

Siamesisch

Auf den ersten Blick war die Antwort-SMS harmlos. Ob wir uns, wie üblich, direkt in der Kneipe treffen wollten, hatte ich gefragt, und mich auf einen dieser typischen Abende mit K. gefreut: ein paar Bier am Tresen, unkompliziert quatschen und am Ende doch wieder später als geplant nach Hause wanken. „Super, wir sind dann um acht da!“, hatte K. geantwortet, und fast hätte ich das „wir“ überlesen. 

Um acht saß ich wie vereinbart am Tresen der kleinen, unscheinbaren Kneipe, die zwar im nördlichen Prenzlauer Berg liegt, dem Interieur nach aber eher ins nördliche Pankow passen würde. Keine Spur von K., dafür summte das Handy in meiner Tasche. „Sorry, wir kommen ein paar Minuten später“, stand da, das „wir“ war kaum zu übersehen.

Als „Wir“ durch die Tür kamen, hatte ich gerade mein zweites Bier bestellt. Schlimm fand ich die Verspätung nicht, und auch gegen das „Wir“ habe ich grundsätzlich nichts. Im Gegenteil, ich mag K.s neue Freundin. Sie ist witzig und intelligent, man kann sich gut mit ihr unterhalten. Trotzdem hatte ich mich eigentlich auf einen schönen Kneipenabend mit K. gefreut, nicht mit „Wir“. Für mich ist das nämlich noch immer etwas anderes.

Für alle anderen scheinen die Unterschiede hier dagegen immer mehr zu verschwimmen: Das „Wir“ ergänzt das „Ich“ nicht mehr, es ersetzt es. Mein Freund K. ist da kein Einzelfall. Immer wieder mutieren ehemals eigenständige Menschen freiwillig zu siamesischen Zwillingen, scheinbar normale Freunde schreiben in ihren Facebook- und StudiVZ-Profile unter Interessen plötzlich statt „Sport“ oder „Reisen“ nur noch schlicht „Mein Schatz“.

Was ist passiert?
Eine Epidemie, gegen deren Erreger nur ich und vielleicht eine Hand voll anderer immun sind?

Aus wissenschaftlicher Sicht muss man leider sagen: ja! 
Die italienische Psychologin Donatella Marazziti von der Universität Pisa untersucht normalerweise alle möglichen Formen von zwanghaftem Verhalten, etwa wieso Menschen sich hundert Mal am Tag die Hände waschen oder nicht das Haus verlassen können, ehe sie zum x’ten Mal kontrolliert haben, ob die Herdplatte auch wirklich ausgeschaltet ist. Liebe, sagt sie, ist im Endeffekt nichts anderes als so eine Zwangsstörung und nennt das Ganze „Mikroparanoia„.

Ich finde das beruhigend. Wo das Ganze nun schon einen Namen hat, gibt es sicher bald auch Medikamente dagegen …

In diesem Sinne, nicht immer alles ernst nehmen, was ich so schreibe …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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